Rast die Welt an dir vorbei? Fühlst du dich machtlos, während alles um dich herum beschleunigt?
Dieses beklemmende Gefühl – dass wir der Geschwindigkeit ausgeliefert sind, dass die Zeit uns davonläuft – ist der Ausgangspunkt einer der ungewöhnlichsten Philosophien unserer Zeit: dem Akzelerationismus.
Im Kern glauben seine Vertreter: Der Mensch kann im Hier und Jetzt nicht mehr selbstbestimmt denken oder handeln. Er ist einer fremden Macht ausgeliefert, die den Lauf der Geschichte bestimmt – sei es Gott, der Kapitalismus, die Geschichte selbst oder der technische Fortschritt. Kontrolle? Gibt es nicht mehr. Die Welt ist dem Menschen entglitten.
Und genau diese Ohnmacht hat eine fundamentale Idee hervorgebracht: den Akzelerationismus. Eine Strömung, die behauptet: Die Beschleunigung der Welt ist unaufhaltsam – also müssen wir sie noch weiter steigern, bis das bestehende System in sich zusammenbricht.
Doch hier liegt das Paradox: Einerseits heißt es, der Mensch könne nichts tun außer Gas zu geben. Andererseits hoffen die verschiedenen Spielarten des Akzelerationismus, dass am Ende – trotz des Kontrollverlusts – etwas Gutes entsteht. Nur: Was „gut“ ist, definiert jede Strömung anders.
Das klingt nach Matrix oder düsterer Science Fiction? Aber es ist keine Fantasie. Es ist eine reale Ideologie, die sich in drei Gesichtern zeigt:
- als linke Technik-Utopie,
- als rechte Zerstörungsfantasie,
- und als christliche Endzeitbeschleunigung.
In diesem Artikel sehen wir uns diese drei Spielarten genauer an.
Teil 1: Der linke Akzelerationismus
Ursprung
Der linke Akzelerationismus entstand in den 1990er-Jahren im Umfeld von Techno, Cyberkultur und Philosophie. Londoner Clubs, Science-Fiction-Visionen, Marxismus und Poststrukturalismus – aus dieser Mischung entwickelte sich eine Bewegung, die mit einem radikalen Gedanken auftrat:
👉 Nicht bremsen. Nicht zurück zur Natur. Sondern den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln überwinden.
Die wichtigsten Namen:
- Nick Srnicek & Alex Williams: Sie veröffentlichten 2013 das Manifest für eine akzelerationistische Politik.
- Armen Avanessian: brachte die Diskussion nach Deutschland.
- Georg Diez: Journalist, der die Idee ins Feuilleton trug.
Grundgedanke
Linke Akzelerationisten werfen dem Kapitalismus vor, dass er selbst in seinen Lösungen zu langsam ist. Die großen Krisen der Gegenwart sind bekannt – doch anstatt sie zu bewältigen, wird immer nur verschoben, verwaltet und halbherzig reagiert.
- Klimawandel? Zwar wird viel geredet, aber die Maßnahmen greifen zu spät und zu zaghaft.
- Digitalisierung? Wird falsch genutzt. Sie könnte Menschen von mühsamer Arbeit entlasten und Wissen allen zugänglich machen. Stattdessen wird Werbung optimiert und Konsum angekurbelt, um Macht in den Händen weniger Konzerne zu konzentrieren.
- Demokratie? Sie ist zu langsam – in einer Zeit, in der globale Finanzmärkte und Algorithmen in Millisekunden reagieren, läuft die Politik hinterher. Entscheidungen, die Jahre brauchen, sind schon überholt, wenn sie umgesetzt werden.
Für Akzelerationisten ist daher klar: Reformen, Entschleunigung oder Appelle an mehr Mäßigung greifen zu kurz. Klassische Protestformen – Demos, Flugblätter, Occupy – bringen nichts. Entschleunigung und Nachhaltigkeit sind Illusionen. Stattdessen müsse man die Geschwindigkeit des Systems nutzen und übertreiben, bis es kollabiert. Den Kapitalismus so weit zu beschleunigen, dass er an seinen eigenen Widersprüchen zerbricht.
Methoden
Wie aber soll man beschleunigen, ohne einfach blind in den Abgrund zu rasen? Linke Akzelerationisten nennen mehrere Strategien:
- Technologie politisieren
Algorithmen, Automatisierung und Künstliche Intelligenz sind nicht neutral – sie entscheiden darüber, was wir sehen, wie wir arbeiten, welche Produkte entstehen. Solange sie privaten Konzernen gehören, dienen sie Profitinteressen. Akzelerationisten fordern: Holt diese Technologien ins Kollektiv, macht sie zu Werkzeugen der Allgemeinheit. - Neue Infrastrukturen schaffen
Das Internet war einmal als freier, offener Raum gedacht. Heute wird es von Plattformriesen dominiert. Akzelerationisten träumen von einem „Internet nach dem Kapitalismus“ – einem Netz, das nicht durch Werbung, sondern durch Gemeinschaft und Austausch funktioniert. - Science-Fiction als Werkzeug
Filme wie Matrix sind keine bloße Unterhaltung. Für Akzelerationisten sind sie Denklabore, in denen mögliche Zukünfte durchgespielt werden: Was, wenn Maschinen die Oberhand gewinnen? Was, wenn virtuelle Realität wichtiger wird als das echte Leben? Solche Szenarien öffnen neue Perspektiven auf das Heute. - Blick aus der Zukunft
Statt aus der Vergangenheit zu lernen („So war es, also machen wir es besser“), stellen sie sich vor, wie eine mögliche Zukunft aussehen könnte – und blicken dann von dort zurück. Diese „Rückwärts-Perspektive“ verändert den Blick: Plötzlich erscheinen Reformen von gestern wie nutzlose Flickschusterei.
Die Philosophie dahinter – und ihre Schwäche
Im antiken Griechenland kämpften die ersten Philosophen – Sokrates, Epikur, Aristoteles – darum, den Menschen aus der Abhängigkeit von den Göttern zu befreien. Ihre Grundidee: Der Mensch ist ein Vernunftwesen.
- Durch Denken kann er Erkenntnis gewinnen.
- Durch gemeinsames Handeln kann er seine Welt moralisch gestalten.
- Als selbstbestimmtes Gemeinschaftswesen kann er herausfinden, wie er leben will – und danach handeln.
Kein Gott, keine Geschichte, kein Herrscher bestimmt über ihn. Genau aus dieser Haltung erwuchs die erste Demokratie der Welt.
Der spekulative Realismus (Quentin Meillassoux) und der Neue Materialismus (Jane Bennett, Rosi Braidotti) kehren diese humanistische Tradition jedoch radikal um. Für sie ist der Mensch nicht mehr Gestalter seiner Welt, sondern bloß Teil eines Geflechts, das von Dingen, Prozessen und Technologien dominiert wird.
- Ein Algorithmus sortiert nicht nur Daten, er entscheidet, welche Wirklichkeit wir wahrnehmen.
- Eine Maschine produziert nicht nur, sie organisiert Arbeit neu und diktiert das Tempo der Gesellschaft.
- Technik entfaltet eine eigene Dynamik, die uns antreibt – ob wir wollen oder nicht.
Ganz im Sinne von Marx’ Diktum „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ behaupten sie: Nicht der Mensch formt die Welt – die Welt formt den Menschen.
Für den Akzelerationismus ist die Konsequenz klar: Technik darf nicht mehr als neutrales Werkzeug verstanden werden. Sie beschleunigt aus sich heraus – und der Mensch soll sich dieser Dynamik unterwerfen.
Kritik – warum das Menschenbild gefährlich ist
- Abkehr vom Humanismus
Dieses Denken verkehrt die ursprüngliche Kraft der Philosophie ins Gegenteil. Was einst die Befreiung des Menschen von äußeren Mächten bedeutete, wird hier zur Unterwerfung unter neue Mächte – Technik, Systeme, Prozesse. Der Mensch wird Objekt, nicht Subjekt. - Unklarheit der Handlungsmacht
Wenn „die Dinge“ oder „die Technik“ die Welt treiben, bleibt offen: Wer oder was beschleunigt eigentlich? Maschinen alleine tun nichts ohne menschliche Entscheidungen. Die Vorstellung einer autonomen Technik verschleiert Verantwortung. - Das Paradox der Methoden
Der Akzelerationismus behauptet einerseits: Der Mensch habe keine Kontrolle mehr, er müsse sich der Dynamik von Geschichte, Kapitalismus und Technik unterwerfen. Gestaltung sei nicht mehr möglich.
Und doch entwerfen seine Vertreter konkrete Methoden – Technologien politisieren, Infrastrukturen aufbauen, Science-Fiction als Denkraum nutzen. Damit gestehen sie indirekt ein, dass Handeln und Gestalten eben doch möglich ist.
Genau hier liegt der Widerspruch: Eine Philosophie, die den Menschen entmündigt, verlangt gleichzeitig von ihm strategisches Handeln. - Technikbewunderung
Angesichts von Klimakrise und Ressourcenknappheit wirkt der Glaube, Technik sei ein selbsttragender Motor, fast weltfremd. Technik löst Probleme nicht automatisch – sie schafft oft neue. - Ein negatives Menschenbild
Vor allem aber widerspricht diese Philosophie dem humanistischen Kern: wo der Humanismus den Menschen als vernunftbegabtes Wesen begreift – fähig, zu denken, zu handeln und Verantwortung zu tragen, trotz aller Abhängigkeiten – dort erklärt ihn der Akzelerationismus zum Getriebenen. Er nimmt ihm die Rolle des Gestalters, entmündigt ihn und degradiert ihn zum bloßen Teil eines Prozesses. Freiheit wird durch Geschwindigkeit ersetzt, Selbstbestimmung durch Unterwerfung. - Das blinde Auge für die Ökologie
Noch gravierender ist, dass die ökologische Dimension im Akzelerationismus praktisch ausgeblendet wird. Technik erscheint dort fast grenzenlos, als Motor, der immer weiter beschleunigt. Doch diese Beschleunigung hat einen Preis: steigender Energieverbrauch, wachsende Ressourcenknappheit, immer brutalere Eingriffe in die Natur. Statt Natur als Partnerin oder Mitwelt zu begreifen, bleibt sie Objekt der Ausbeutung – ein Rohstofflager für die ungebremste Maschine. Die ökologische Realität widerspricht damit fundamental der akzelerationistischen Fantasie.
Die Zielvorstellung – ein „technischer Kommunismus“
Linke Akzelerationisten versprechen sich vom Zusammenbruch des Kapitalismus eine postkapitalistische Zukunft, in der Technologie gemeinschaftlich genutzt wird. Eine Art „technischer Kommunismus“:
- keine Konzerne, die Algorithmen und Daten kontrollieren, sondern kollektive Nutzung,
- keine kapitalistische Marktlogik, sondern eine geteilte Infrastruktur,
- keine Ungleichheit durch Besitz, sondern gerechte Teilhabe am technologischen Fortschritt.
Das Ziel klingt utopisch, es ist eine modernisierte Version des alten Versprechens vom „Reich der Freiheit“.
Die offene Frage: Wann und wie?
Doch hier liegt die größte Schwäche: Wie soll dieses Ziel erreicht werden – und wann?
- Der Weg dorthin bleibt vage. Es gibt keine klare Strategie, sondern nur die Aufforderung, die Beschleunigung zu intensivieren.
- Die Hoffnung, dass der Kapitalismus an seinen eigenen Widersprüchen zerbricht, stammt direkt aus Marx’ Geschichtsphilosophie.
- Damit hängt der Akzelerationismus an einer Art prophetischem Geschichtsbild: irgendwann, so die Hoffnung, führt die Eskalation zwangsläufig in den Umbruch.
Doch diese Gewissheit ist unbegründet. Warum sollte ein System zusammenbrechen, wenn man es sogar noch befeuert? Der Kapitalismus hat sich in der Geschichte immer wieder als erstaunlich anpassungsfähig gezeigt – Krisen führten meist nicht zu seinem Ende, sondern zu seiner Erneuerung.
Kritik: Ein säkularer Glaube an das Paradies
Am Ende gleicht diese Logik mehr einer säkularisierten Religion als einer nüchternen Analyse. Die Parallelen sind deutlich:
- Im Christentum: Zuerst kommt die Apokalypse, dann das Paradies.
- Im Marxismus: Zuerst zerbricht der Kapitalismus, dann kommt das Reich der Freiheit.
- Im Akzelerationismus: Zuerst die totale Beschleunigung, dann die postkapitalistische Utopie.
Die Vorstellung, dass nach der Katastrophe automatisch das Gute folgt, ist keine Argumentation, sondern ein Glaube. Und ein gefährlicher dazu – weil er die Verantwortung des Menschen an ein übermächtiges System abtritt: den Kapitalismus, die Technik, die Geschichte. Wenn wir das tun, weiß niemand, was am Ende für ein „Paradies“ auf uns wartet. Wir geben unsere bewusste Gestaltungsfähigkeit ab, um zu hoffen, dass es am Ende irgendwie gut wird. Eine fatale Schicksalsgläubigkeit, die dem Menschen seine Selbstbestimmung raubt.
Teil 2: Der rechte Tech-Akzelerationismus
Grundgedanke
Während linke Akzelerationisten hoffen, Technik könne die Gesellschaft befreien, verfolgen rechte Akzelerationisten ein anderes Ziel: Nach der Zerstörung der demokratischen Gesellschaft erfolgt der Aufbau einer neuen totalitären Ordnung, in der die weiße Rasse herrschen soll.
Im Kern geht es beim rechten Akzelerationismus nicht um Chaos um seiner selbst willen. Vielmehr verfolgen seine Anhänger eine klare — wenn auch gefährliche — Utopie: Nach dem Zusammenbruch der liberalen Ordnung soll eine neue Gesellschaftsform errichtet werden, in der eine vermeintlich „überlegene“ ethnische Gruppe politisch und kulturell herrscht. Zerstörung ist in diesem Denken ein instrumentelles Mittel: Durch Beschleunigung von Konflikten und Gewalt will man Bedingungen schaffen, unter denen die alte Ordnung zerbricht und die gewünschte „Neue Ordnung“ entstehen kann.
Das Mittel: Beschleunigung als Zerstörung um jeden Preis
Ziel der dieser Ideologie anhängenden Personen sei es, durch gezielte Terroranschläge einen Bürgerkrieg auszulösen, um den Zusammenbruch des demokratischen Systems herbeizuführen, heißt es in der Vorlage weiter. Das entspreche einem „von rechts gelesen ,Akzelerationismus’“, wonach politischer Aktivismus „gesellschaftliche Risse und Konflikte so stark beschleunigen und vertiefen soll, dass die gesellschaftliche Ordnung insgesamt zusammenbricht“. (bundestag.de)
Der Grundtenor des akzelerationistischen Denkens im Rechtsextremismus lautet: Die westliche Zivilisation ist in ihrer heutigen Gestalt dem Untergang geweiht und ein »Rassenkrieg« unausweichlich. Diese Entwicklung muss man beschleunigen, bevor die als „weiß“ definierten Bevölkerungsgruppen weiter geschwächt werden. (Man erinnere sich an die Aussage von Elon Musk, dass in Südafrika ein Völkermord an den Weißen(!) verübt wird.)
In dieser Vorstellung dienen Anschläge nicht bloß als einzelne Terrorakte, sondern als gezielte Zündsätze: Sie sollen eine Spirale aus Reaktion und Gegenreaktion entfachen, die sich immer schneller aufschaukelt und schließlich die Demokratie auseinanderreißen soll.
Hier gilt: Das bestehende System – Demokratie, Pluralismus, freiheitliche Gesellschaft – soll nicht reformiert, sondern bewusst in den Kollaps getrieben werden. Der Glaube lautet: Nur durch Chaos, Gewalt und Zusammenbruch kann eine „neue Ordnung“ entstehen.
Strategien
Die Methoden dazu sind klar – die Entfachung der Gewalt:
- Systemkollaps erzwingen: durch Terroranschläge, Gewaltakte oder digitale Destabilisierung.
- Radikalisierung beschleunigen: Mit sozialen Netzwerken, Memes und Online-Propaganda wird Hass in Sekundenschnelle verbreitet. Geschwindigkeit ist hier ein wichtiges Werkzeug.
- Rassenkrieg-Fantasien: Manche Gruppen träumen von einem großen Untergang, nach dem eine ethnisch „reine“ Gesellschaft neu errichtet werden soll.
Aktuelle Persönlichkeiten im rechten Akzelerationismus
- Nick Land
- Philosoph, gilt als einer der Hauptdenker der Dark Enlightenment und Neoreaktion.
- Seine Ideen befördern die Vorstellung, dass die liberale Demokratie überholt ist und dass Beschleunigung (insbesondere kapitalistischer, technologischer Dynamik) die Gesellschaft in autoritäre oder hierarchische Formen treiben wird.
- Curtis Yarvin („Mencius Moldbug“)
- Blogger und Entwickler, ein zentraler Akteur in der Neoreactionary-Szene.
- Er propagiert oft die Idee eines „CEO-Staates“ oder einer staatsähnlichen Struktur, in der demokratische Institutionen stark eingeschränkt sind oder durch eine konzentrierte Macht ersetzt werden.
- Diagolon
- Eine kanadische alt-right Miliz / Netzwerk, das offen als accelerationistisch beschrieben wird.
- Ziel: Den Untergang des aktuellen Regierungssystems beschleunigen.
Kritik
Der rechte Akzelerationismus offenbart die dunkle Kehrseite der Idee. Während linke Denker wenigstens eine Utopie entwerfen, setzen Rechte radikal auf Zerstörung:
- Beschleunigung als Gewalt: Geschwindigkeit wird genutzt, um Angst und Schrecken zu multiplizieren.
- Totalitäre Gefahr: Nach dem Kollaps steht keine offene Gesellschaft, sondern die Fantasie einer autoritären, homogenen Ordnung.
- Entmündigung des Menschen: Auch hier gilt: Der Einzelne ist nicht Gestalter seiner Welt, sondern Werkzeug in einem angeblich unausweichlichen Prozess – diesmal nicht der Geschichte oder Technik, sondern der Gewaltspirale.
Fazit: Die Utopie der Rechten — Dystopie für alle anderen
Der rechte Akzelerationismus verbindet faschistische und rassistische Herrschaftsvorstellung mit einer strategischen Kultur der Beschleunigung. Zerstörung ist das Instrument, um eine totalitäre Utopie durchzusetzen — eine Utopie, die in der Realität eine Dystopie für die Menschheit bedeuten würde.
Teil 3: Christlicher Akzelerationismus
Religiöse Beschleunigung
Die modernen Strömungen des Akzelerationismus haben ihre Wurzeln in der christlichen Theologie. Dort existiert die Vorstellung, dass die Heilsgeschichte – also die Geschichte der Menschheit unter Gottes Führung – nicht endlos weiterläuft, sondern einen klaren Anfang und ein klares Ende besitzt.
Der Anfang ist die Schöpfung durch Gott. Das Ende ist die Apokalypse: der Weltuntergang, das Jüngste Gericht. Erst nach diesem Ende tritt die eigentliche Erlösung ein – die Wiederkunft Christi und das Heil der Auserwählten.
Die Beschleunigung der Endzeit: Von Prophezeiung bis Aktion
- Endzeitsekten interpretierten Kriege, Katastrophen oder Naturereignisse nicht als Katastrophen, sondern als notwendige Vorzeichen des baldigen Heils.
- Millenaristische Sekten vertraten die Auffassung, dass die Menschheit aktiv zur Erfüllung der Prophezeiungen beitragen müsse – etwa durch Mission, durch gesellschaftliche Umwälzungen oder sogar durch bewusste Konfrontationen.
- In der Theologie von Denkern wie Ernst Benz findet sich die Beobachtung, dass bestimmte Strömungen die Geschichte beschleunigen wollten: Je schneller die Welt ins Chaos stürzt, desto schneller könne die Wiederkunft Christi erfolgen.
Im christlichen Akzelerationismus ist die Krise der Welt nicht das Problem, sondern der notwendige Durchgang zur Erlösung.
Ernst Benz und die Endzeit
Der Theologe Ernst Benz untersuchte diese Strömungen. Manche christliche Bewegungen sahen Beschleunigung als Werkzeug, um die Wiederkunft Christi näherzubringen.
Die Logik: Wenn die Welt schneller in die Katastrophe läuft, dann kommt auch die Erlösung schneller.
Es geht hier auch um das Gefühl, dass die Zeit schneller abläuft, je näher das Ende der Welt rückt. Wie eine Art Sog in einem Wasserstrudel, in dem sich das Wasser immer schneller dreht, bis es zum tiefsten Punkt kommt.
Politische Konsequenz: Katastrophen nicht verhindern, sondern willkommen heißen
- Apokalyptische Erwartung: Katastrophen wie Kriege und Naturkatastrophen sind nicht das Ende, sondern die notwendige Einleitung der Endzeit.
- Politische Dimension: Je mehr Zerstörung und Umbrüche in der Welt passieren, je schneller diese Ereignisse aufeinander folgen, desto näher zeigt sich das Ende der Welt.
Fazit
Ob links, rechts oder christlich – der Akzelerationismus teilt eine Grundidee: Nur durch Beschleunigung und Zerstörung der „alten Welt“ kann eine neue Welt entstehen.
- Die Linke sieht darin eine utopische Chance, den Kapitalismus mit Technik zu überwinden.
- Die Rechte instrumentalisiert Beschleunigung als Weg in totalitäre Rassenherrschaft.
- Christen fühlen die Beschleunigung der Zeit als Zeichen des nahenden Endes – und damit der Erlösung.
Die gemeinsame Struktur ist eindeutig: beschleunigte Zerstörung als Voraussetzung für Erlösung. Dieser Prozess wirkt als fremdbestimmende Macht über den Menschen und ist damit zutiefst antihumanistisch. Akzelerationismus entmündigt den Menschen, indem er ihm Selbstbestimmung abspricht. Das ursprünglich angestrebte Ziel – sei es Gerechtigkeit, Erlösung oder Erneuerung – wird so zur Rechtfertigung für die Aufforderung, sich der Dynamik der Beschleunigung bedingungslos zu unterwerfen.
Die Wurzeln der Vorstellung einer beschleunigten Zeit sind christlich: das Ende der Welt muss kommen, damit Erlösung stattfinden kann. Je beschleunigter die Zeit läuft, desto näher befinden wir uns am Ende der Welt-Zeit.
In den säkularisierten Varianten wird dieser Glaube aufgenommen – bei linken Marxisten, rechten Neonationalisten und anderen Endzeit-Denkern. Hinter dem techno-ökonomischen Vokabular verbirgt sich ein altes, prophetisches Geschichtsbild: erst Zusammenbruch, dann Paradies.

Hallo Sarah,
Akzelerationismus ist ein ganz neuer Begriff für mich. Klar, ich kenne die Apokalypse, den Weltuntergang, das biblische Paradies, aber es ist erstaunlich, wie Du bei Deinen – ganz unterschiedlichen – Themen fast immer auf die Aussagen in der Bibel als Ursache für die heutigen Probleme kommst. Das würde ja bedeuten, dass wir, die Menschheit, „nur“ die alte Bibel in modernes Leben übersetzen und danach Handeln. Das kann ich kaum glauben. Aber ich bin sehr neugierig auf Deine nächsten Themen und ob Du da auch im Hintergrund die Religion siehst.
Viele Grüße und bis zum nächsten Mal,
R.
Vielen Dank für deine ausführlichen Gedanken! Ja, die Religion hat uns über 2000 Jahre lang geprägt. Eigentlich wäre es verwunderlich, wenn es anders wäre.
Liebe Grüße
Sarah