Kennst du auch diese hellen, weißen Bilder, die uns in den sozialen Medien und in Hochglanzmagazinen ununterbrochen begegnen? Ein schneeweißer, perfekt aufgeräumter Schreibtisch, darauf ein glänzendes MacBook, daneben ein weißes iPhone. Die Wohnung ist so minimalistisch eingerichtet, dass man sich kaum traut, ein Glas Wasser abzustellen. Zu viele Dinge sind uncool, unordentlich, nicht mehr angesagt. Am Ende wirken diese Räume nicht nur sauber, sondern fast klinisch steril.
Und das moderne Sehnsuchtswort dafür lautet: „clean“.
Aber warum ist das so? Warum brauchen wir diese extreme Darstellung von Reinheit, von leerem, unberührtem Raum? Warum muss das „Innen“ so klinisch sauber sein?
Weil es etwas auffangen und kompensieren muss: nämlich das „Außen“. Wir müssen sich vorgaukeln, in einer perfekten, neuen Welt zu leben. Und diese Welt ist eine technische. Sie soll die alte Welt ablösen und ersetzen. Und diese alte Welt, das ist die Welt da draußen: die Natur — verwüstet, vermüllt, ausgebeutet, kaputt.
Wir bauen uns eine künstliche, technische, „cleane“ Innenwelt, um zu vergessen, dass wir diese „reine und saubere“ Umgebung nur haben können, weil wir sie auf Kosten der alten, „unreinen“ Natur herstellen. Eins bedingt das andere: Wir müssen die alte Welt zerstören, um die neue, sterile Welt errichten zu können.
Die totale Reinigung unseres Alltags
Wenn man dieses Wort „clean“ erst einmal im Bewusstsein hat, sieht man es plötzlich überall. Bei der Inneneinrichtung ist es optisch zwar am deutlichsten, aber der Trend hat längst alle Lebensbereiche kolonisiert:
- Clean Eating: Wir essen „clean“ — ohne Zucker und Zusatzstoffe, und wir „detoxen“ unseren Körper, als wäre er ein durch Nahrung verschmutzter Abwasserkanal, den man regelmäßig mit teuren Säften durchspülen muss.
- Clean Beauty: Das Gesicht des sogenannten „Clean Girl“ soll makellos, porenlos und vor allem diszipliniert wirken. Reinheit ist zur modernen Tugend geworden.
- Cleane Energie: Selbst unser Strom soll „sauber“ sein. Und das gigantische Rechenzentrum, das unsere ganze glänzende Tech-Welt am Laufen hält, nennen wir am liebsten „Cloud“ — leicht, weiß, körperlos, als schwebe es wie eine schöne Wolke über uns. Dabei ist es eine Halle voller heißer, dröhnender Maschinen, die ungeheure Mengen Strom frisst und Wasser säuft.
Und dann wird es noch abstruser: Wir säubern unsere Sprache — und sogar unser Denken und Fühlen.
„Verbale Hygiene“ bedeutet, dass unsere Sprache gereinigt werden soll von allem, was unangenehm, kantig oder schmerzhaft ist. Die Linguistin Deborah Cameron beschrieb damit den Drang, unsere Wörter aufzuräumen und Anstößiges zu entfernen. Der Krieg wird in den Nachrichten zum „Konflikt“, das Töten zur „Maßnahme“.
Am Ende betrifft es sogar unsere psychische Innenwelt. Es gibt tatsächlich eine Therapieform namens „Clean Language“. Ihr Erfinder wollte, dass der Therapeut seine eigenen Worte komplett heraushält, damit sie das Erleben des Klienten nicht „verschmutzen“. Die Reinheit ist ganz nach innen gewandert. Selbst im Gespräch, im intimsten Austausch, fürchten wir die Übertragung, die Beeinflussung — als wäre das Denken des anderen ein Keim, vor dem wir uns schützen müssen. Alles Menschliche wird zur potenziellen Verunreinigung.
Die ungleiche Last der Scham: Wer darf stinken?
Was also macht das mit uns?
Es gibt uns das Grundgefühl, dass wir selbst im Kern nicht „sauber“ sind. Dass etwas an uns befleckt ist. Und diese Scham vor unserer eigenen Biologie ist extrem ungleich verteilt: Während der biologische Alltag des Mannes oft mit einer humorvollen „Naturkraft“ weggelacht wird, soll die Frau geruchlos, porenlos und unsichtbar funktionieren. Bloß nicht zeigen, dass man schwitzt, verdaut oder riecht.
Schauen wir uns ganz alltägliche Dinge an. Wenn ein Mann pupst, wird daraus im Zweifelsfall ein halber Wettbewerb gemacht: Wer kann lauter, wer kann doller? Da wird gelacht, abgeklatscht und beim Verlassen des Badezimmers laut herumposaunt, dass man gerade „ein Ei gelegt“ oder „einen abgeseilt“ hat. Es herrscht eine fast schon triumphale Schamlosigkeit, wenn es um die eigenen Ausdünstungen geht. Natürlich gilt das nicht für jeden einzelnen Mann, aber gesellschaftlich ist es als „Männersache“ absolut akzeptiert und normalisiert.
Und die Frau?
Sie ist diejenige, die sich oft schon im Vorfeld dafür schämt, dass sie überhaupt ein biologisches Wesen mit Ausscheidungsfunktionen ist. Frauen sprühen Parfüm vor dem Toilettengang, schalten das Wasser ein, um Geräusche zu übertönen, oder verkneifen sich den Toilettengang aus Scham komplett, wenn Besuch da ist. Bloß nicht zeigen, dass man schwitzt. Bloß nicht riechen. Bloß nicht unperfekt aussehen.
Während der Mann seine Biologie laut herausschreit, schleicht die Frau leise und unsichtbar durch den Alltag, immer auf der Hut, ja keine Spuren ihrer eigenen Natur zu hinterlassen. Die Frau hat gefälligst die fleischgewordene Ästhetik zu sein – geruchlos, porenlos, perfekt. Das ist die absolute, alltägliche Disziplinierung des weiblichen Körpers.
Der Dreck, vor dem wir uns in unsere weißen Räume flüchten, ist am Ende nichts anderes als unser eigener. Wir fliehen — vor uns selbst.
Aber warum eigentlich? Wovor fliehen wir da wirklich?
Woher das kommt: Die Wurzeln im Sündenfall
Wenn wir Wörter wie „befleckt“ oder „unrein“ hören, spüren wir eine Resonanz, die viel älter ist als jede Detox-Kur. Es sind religiöse Begriffe, und sie führen uns zurück zu einer einzigen Wurzel: dem Sündenfall.
Dort beginnt die Geschichte, die uns bis heute unbewusst prägt. Der Mensch greift nach der verbotenen Frucht, und von da an ist er nicht mehr rein. Er ist gefallen, dem Tod verfallen, und mit ihm die ganze Schöpfung, die Erde, die Natur. Das ist theologische Grund, warum die alte Welt überwunden werden muss: Sie steht unter diesem Fluch der Ur-Sünde.
Doch die Schuld an diesem Fall wurde ungleich verteilt. Es war Eva, die zuerst zugriff. Die Frau hat den Fall zu verantworten — und die Frau trägt die Unreinheit seither am eigenen Leib.
Diese Vorstellung wurde in den Erlösungsreligionen zum Gesetz erhoben. Die menstruierende Frau galt als unrein, der weibliche Körper selbst — das Blut, das Gebären — wurde zum Ort der Unreinheit erklärt. Nach einer Geburt musste sich die Frau rituell reinigen (nach der Geburt eines Mädchens übrigens doppelt so lange wie nach einem Jungen). Ausgerechnet das, was neues Leben hervorbringt, galt als sündhaft und reinigungsbedürftig.
Und genau deshalb musste ausgerechnet eine einzige Frau zur großen Ausnahme, zur „Unbefleckten“ erklärt werden: Maria.
Dahinter steckt ein klassischer Denkfehler: Wir glauben meist, „unbefleckte Empfängnis“ meint Sex ohne Körperkontakt bei der Zeugung Jesu. Doch eigentlich geht es theologisch um Marias eigene Geburt: Sie allein sollte von der ersten Sekunde an frei von der Erbsünde sein. Ihr allein blieb dieser metaphysische Makel erspart.
Doch genau diese Ausnahme verrät die Regel: Wenn eine Frau eigens so steril „rein“ gemacht werden musste, sind es alle übrigen eben nicht. Jede andere Frau bleibt, was Maria nicht sein durfte: von Natur aus befleckt.
Gott nimmt als Gefäß für seinen Sohn schließlich keine „Schmutzige“.
Und da dieser Gott historisch männlich gedacht ist — als der Vater, der Herr —, spiegelt sich darin eine patriarchale Dynamik, die wir heute eins zu eins auf unseren Toiletten, in unseren Badezimmern und in den Drogeriemärkten wiederfinden: Der Mann fordert die unberührte, sexuell unbeschriebene, rein gehaltene Frau. Die Obsession mit der Jungfräulichkeit in den Religionen, oder der moralische Vorwurf, eine Frau sei durch sexuelle Erfahrung abgewertet und „schmutzig“ geworden, entspringt genau diesem Denken. Die Befleckung liegt prinzipiell bei ihr; sie ist es, die der permanenten Reinigung und Kontrolle bedarf, um den Ansprüchen des Mannes zu genügen.
In der Theorie des Sündenfalls sind zwar alle gefallen. Die Sünde ist geteilt, die Unreinheit aber nicht. Sie bleibt, wo sie immer schon hingelegt wurde: bei der Frau, die gefälligst geruchlos und makellos zu funktionieren hat.
Die Technik als unsere neue, sterile Erlösung
Und jetzt schließt sich der Kreis zu unseren MacBooks und weißen Wohnungen. Denn was tut ein Mensch, dem seit Urzeiten gesagt wird, sein eigener Körper sei befleckt und die Natur schmutzig? Er sucht verzweifelt einen Ausweg. Er träumt von einer anderen Welt, einer reinen, in der der alte Fluch nicht mehr gilt.
Diese Welt haben wir uns mit der Technik gebaut. Sie ist weiß, glatt, steril, geruchlos – das exakte Gegenteil der alten, dunklen, feuchten und blutigen Natur. Der biblische Fluch traf damals zuerst den Acker: Im Schweiße seines Angesichts sollte der Mensch die Erde mühsam bewirtschaften. Die Maschinen sind nun die große Verheißung, diesen Fluch endlich zu brechen. Wenn uns Maschinen und Algorithmen die Arbeit abnehmen, müssen wir nicht mehr schwitzen, nicht mehr malochen und nicht mehr schmutzig werden.
Früher musste man sterben, um im Himmel erlöst zu werden. Heute wollen wir uns diese Erlösung schon zu Lebzeiten kaufen. Die glänzenden weißen Geräte in unseren Händen sind die Heilsversprechen einer Religion, die ihre Erlösung nicht mehr ins Jenseits verschieben will. Der Mensch ist selbst zu Gott geworden und erschafft sich sein eigenes, keimfreies Paradies.
Doch diese neue, „reine“ Welt der Technik ist eine Illusion. Sie ist alles andere als unschuldig. Sie ersetzt die Natur nicht, sondern lebt parasitär auf ihre Kosten. Das weiße, makellose Smartphone kommt aus der aufgerissenen Erde, aus brutalen Minen und Ausbeutungsverhältnissen, aus Landschaften, die dafür unwiederbringlich verwüstet wurden.
Rein wird unsere Welt nämlich nicht, indem das Unreine verschwindet, sondern indem wir es wegschafft und aus unserem Blickfeld verbannen. Es ist dieselbe Geste wie vor dreitausend Jahren: Damals wurde die unreine Frau aus dem Tempel verbannt, heute wird der giftige Elektroschrott unserer sauberen Geräte in arme Länder des globalen Südens verschifft. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Wir können vor uns selbst nicht fliehen
Und wir selbst? Unsere gesamte Wirtschaft lebt heute von dieser doppelten Verleugnung. Wir sollen uns für unsere eigene, biologische Natur schämen — für das Altern, das Schwitzen, das Bluten, das Pupsen und die Sexualität —, während wir gleichzeitig die äußere Natur ausbeuten, um diese Scham in sterilen, makellosen Konsumwelten zu ertränken. Alles Natürliche soll überwunden, weg-optimiert und versteckt werden.
Doch was passiert, wenn wir diese Verbindung leugnen — sowohl zu unserem eigenen Körper als auch zur Erde —, sehen wir jetzt immer deutlicher: Wir entziehen uns selbst die Lebensgrundlage. Die verheißungsvolle Technikwelt verändert den Planeten so radikal, dass er am Ende kein Lebensraum mehr sein wird – weder für andere Lebewesen noch für uns.
Die alte Welt, die wir für schmutzig und minderwertig erklärt haben, ist die einzige, die wir haben. Und wir gehören mit jeder Faser unseres Körpers, mit jedem Atemzug, mit jedem Schwitzen und jedem Geruch zu ihr. Es wird Zeit, dass wir aufhören, vor unserer eigenen Lebendigkeit zu fliehen.
Wie siehst du das?
Wo ertappst du dich im Alltag bei der Sehnsucht nach dem Perfekten und „Cleanen“? Und wo tut es dir vielleicht sogar unglaublich gut, einfach mal unperfekt, laut und ganz Natur zu sein? Schreib es mir unbedingt in die Kommentare – ich freue mich auf eine lebendige (und gerne auch unaufgeräumte) Diskussion!
