Unsere Gesellschaft rückt nach rechts. Das ist keine abstrakte Beobachtung mehr, das ist eine spürbare Realität. Rechte Bewegungen gewinnen an Stärke, demokratische Werte werden offen in Frage gestellt, und viele von uns sind verunsichert. Was passiert da gerade? Und vor allem: Was tun wir dagegen?
In diesem Ringen um die Zukunft unserer Gesellschaft fällt der Blick unweigerlich auf einen zentralen Ort: die Schule.
Welche Werte will eine Schule eigentlich vertreten? Was heißt es für Lehrende, „Haltung zu zeigen“? Dürfen sie das überhaupt? Sollen sie es sogar? Und was hat das mit dem viel zitierten „Neutralitätsgebot“ für Beamte auf sich?
Das große Missverständnis: Die Lüge der „neutralen“ Schule.
Fangen wir mit dem größten Missverständnis an: dem Neutralitätsgebot. Viele glauben, Lehrer:innen müssten politisch völlig neutral sein, dürften keine eigene Meinung haben, müssten jede Position gleichwertig darstellen.
Das ist fundamental falsch.
Neutralität bedeutet nicht, keine Werte zu haben. Im Gegenteil: Das Neutralitätsgebot verpflichtet Lehrende in einem demokratischen Staat auf eine ganz bestimmte, unumstößliche Grundlage: die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Unsere Verfassung. Die Menschenrechte.
Ein Lehrender ist nicht neutral gegenüber Rassismus. Er ist nicht neutral gegenüber Antisemitismus. Er ist nicht neutral gegenüber Faschismus. Er ist nicht neutral gegenüber Bestrebungen, die Demokratie abzuschaffen.
Neutralität bedeutet, innerhalb des demokratischen Spektrums verschiedene Meinungen und Kontroversen darzustellen, ohne die Schüler zu indoktrinieren. Sie bedeutet aber niemals, antidemokratischen und menschenfeindlichen Positionen den gleichen Raum oder die gleiche Legitimität zu geben wie demokratischen.
Ein Lehrender, der Haltung für die Demokratie zeigt, verletzt nicht das Neutralitätsgebot – er erfüllt seinen Auftrag.
Die Falle des „Was-wäre-wenn“: Linke vs. Rechte Meinungen?
Jetzt kommt das Totschlagargument, das jede Debatte lähmt: „Ja, aber was ist, wenn linke Lehrende ihre Meinung sagen, und rechte das dann auch wollen? Wo ziehen wir die Grenze?“
Die Grenze ist glasklar: die Verfassung.
- Für soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz oder eine andere Verteilung von Wohlstand zu sein, ist eine politische Position innerhalb des demokratischen Spektrums. Darüber kann und muss man streiten.
- Für die Abschaffung von Menschenrechten für bestimmte Gruppen, für Rassismus, für die Leugnung wissenschaftlicher Fakten oder für die Verächtlichmachung der Demokratie zu sein, ist verfassungsfeindlich.
Die perfide Taktik der Rechten besteht darin, diese Grenze zu verwischen. Sie stellen legitime linke oder liberale Positionen auf eine Stufe mit ihren eigenen, oft menschenverachtenden Ideologien, um ihre Positionen zu normalisieren und gleichzeitig jede Form von engagierter Haltung als „linke Indoktrination“ zu diffamieren.
Wir dürfen nicht in diese Falle tappen. Für Humanismus und Gleichheit einzutreten ist nicht dasselbe wie für Hass und Ungleichheit zu sein.
Für eine wehrhafte Demokratie: Was ist der Auftrag der Schule WIRKLICH?
Wissen wir Deutschen überhaupt, was es bedeutet, für unsere Demokratie zu kämpfen? Haben wir es je gelernt?
Der Auftrag der Schule kann nicht nur darin bestehen, Fakten über das Grundgesetz auswendig lernen zu lassen. Die Schule muss ein Trainingslager für die Demokratie sein. Ein Ort, an dem demokratische Werte nicht nur gelehrt, sondern gelebt werden.
Das bedeutet:
- Kritisches Denken fördern: Statt Bulimie-Lernen (reinstopfen, auskotzen, vergessen) brauchen wir das, was wir bei Platon gesehen haben: autonomes Lernen im freien Spiel des Denkens. Schüler müssen lernen, Quellen zu prüfen, Argumente zu analysieren, Propaganda zu erkennen.
- Debattenkultur lehren: Schüler müssen lernen, respektvoll zu streiten, andere Meinungen auszuhalten (solange sie auf dem Boden der Verfassung stehen) und ihre eigene Position mit Argumenten zu verteidigen.
- Solidarität erlebbar machen: Eine Schule, die auf Konkurrenz, Selektion und dem „Recht des Stärkeren“ basiert, erzieht keine Demokraten. Sie erzieht kleine Kapitalisten, die gelernt haben, dass es um Gewinner und Verlierer geht. Eine demokratische Schule fördert Kooperation, Empathie und das Gefühl, dass wir als Gemeinschaft füreinander verantwortlich sind.
Was bedeutet das für Lehrende?
„Haltung zeigen“ bedeutet für eine Lehrkraft nicht, den Schülern zu sagen, welche Partei sie wählen sollen. Es bedeutet:
- Vorbild sein: In der Art, wie man diskutiert, wie man mit Widerspruch umgeht, wie man Empathie zeigt und wie man klar und unmissverständlich für die Werte der Menschenwürde und Gleichheit eintritt.
- Räume schaffen: Einen sicheren Raum schaffen, in dem Schüler ihre Ängste und Fragen äußern können, ohne für ihre Unsicherheit verurteilt zu werden.
- Klar benennen: Rassismus als Rassismus benennen. Lügen als Lügen benennen. Angriffe auf die Demokratie als solche benennen.
Unsere Kinder und Jugendlichen brauchen keine „neutralen“ Funktionsbeamten. Sie brauchen mündige, authentische und standhafte Erwachsene, die ihnen eine klare Orientierung geben in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird. Sie brauchen Lehrende, die den Mut haben, für die Werte einzustehen, die das Fundament unseres Zusammenlebens sind.
Das ist der Auftrag. Und es ist an der Zeit, dass wir ihn endlich ernst nehmen.
In meiner Akademie schärfen wir genau diese Fähigkeit: Das kritische Denken, das es braucht, um die Angriffe auf unsere Demokratie zu verstehen und unsere eigene Haltung fundiert und mutig zu vertreten.
Du musst die Welt nicht allein verstehen! 🌱
Komm in die Newsletter-Community & entdecke die Kraft gemeinsamer Gespräche im Philo-Café.
Philosophie beginnt mit einer Frage – und wächst in der Gemeinschaft.
