Hallo,
schon wieder ein Krimi. Das Mordopfer: eine Frau.
Die Kommissare fragen die Tante, wie ihre Nichte denn so gewesen sei. Und die Tante sagt, mit Tränen in den Augen:
„Sie war eine wundervolle Frau. Immer hübsch, immer gepflegt, höflich, nie ein böses Wort.“
Was für eine Beschreibung! Hätte sie noch gelebt, hätte sie sich bedanken können. Hier wird klar: das ist immer noch das Ideal einer Frau. Wehe, sie ist kompliziert, eigensinnig, kritisch, laut.
Die wundervolle Frau und die Furie sind dieselbe Frau
Erinnerst du dich an den Mann aus dem letzten Newsletter? Der seine Entführerin als „alte Furie in der Menopause“ beschimpft hat? Verachtung da, Lob hier – aber beides meint das gleiche.
Die Furie ist die Frau, die aufgehört hat zu gefallen. Die wundervolle Frau hat es noch getan. Es ist dieselbe Frau. Einmal, solange sie funktioniert und gefällt. Und einmal, sobald sie damit aufhört.
„Nie ein böses Wort“. Sie hat nie widersprochen, nie gestört, nie jemandem die Stimmung verdorben. Sie hat sich nie gewehrt, sondern jeden Widerspruch heruntergeschluckt.
Es gibt ein modernes Wort dafür: People Pleaser. Klingt harmlos, aber für viele Frauen ist das die Grundeinstellung ihres ganzen Lebens:
Es allen recht machen. Jede Spannung aushalten. Sich vieles gefallen lassen, auch schlechte Behandlung, und trotzdem um alle anderen bemüht bleiben.
Was in der Perimenopause zurückschlägt
Die Wechseljahre. Was wechselt hier eigentlich? Klar, gemeint ist die Umstellung von fruchtbar auf nicht fruchtbar. Aber es passiert viel mehr: Frauen lassen sich auf einmal nicht mehr gefallen, wie man mit ihnen umspringt. Sie werden schneller wütend. Sie wehren sich und ziehen Grenzen, wo sie früher mitgemacht hätten.
Von außen sieht das aus wie ein Defekt.
„Sie ist so gereizt.“ Mit der ist nicht mehr zu reden.“
Jahrzehntelang war die Frau verfügbar. Verfügbar für die Kinder, für den Mann, für die Eltern, für die Schwiegereltern, für die Stimmung am Tisch. Eine Klientin erzählte mir, dass sie es ist, die in der Familie für den Ausgleich sorgt – die Spannungen glättet, vermittelt, dafür sorgt, dass alle miteinander auskommen. Und zwar nicht nur in ihrer eigenen Familie, sondern auch in der ihres Mannes. Sie kümmert sich um beide Familien. Ihr Mann um keine.
Diese Arbeit ist unsichtbar, solange sie läuft. Es gibt keine Wahrnehmung und schon gar nicht Anerkennung fürs Vermitteln, fürs Verfügbar-Sein. Diese Arbeit fällt erst auf, wenn sie nicht mehr geleistet wird. Und in der Perimenopause verändern sich die Kraft und auch der Wille, dieses Pensum an Gefälligkeit weiter zu leisten.
Und eine Frau, die nicht mehr verfügbar ist, bringt ein ganzes System ins Wanken, das sich an ihre Verfügbarkeit gewöhnt hatte.
Und jetzt wird es heikel
Denn hier gibt es Widerspruch, von zwei Seiten, und beide wollen feministisch sein.
Die einen, in der Tradition von Simone de Beauvoir, sagen: Lass die Biologie aus dem Spiel! Eine Frau ist kein Hormonschicksal. Sie ist genauso leistungsfähig wie ein Mann, ungebremst, am besten ohne Kind. Wer über Zyklus und Wechseljahre klagt, fällt hinter alles zurück, wofür wir gekämpft haben.
Das Problem: Diese Haltung verlangt von der Frau, ein Mann zu sein. Sie soll funktionieren und ihren eigenen Körper dabei verleugnen.
Die anderen sagen das Gegenteil: Ergib dich der Natur! Die Wechseljahre sind eben so, Schmerzen gehören dazu, Erschöpfung gehört dazu, diesen natürlichen Prozess muss man eben ertragen.
Auch falsch. Denn das verlangt von der Frau, alles hinzunehmen, klaglos, als wäre Leiden ihre Bestimmung.
Funktionieren wie ein Mann oder leiden wie eine Märtyrerin – ist das wirklich die ganze Auswahl?
Ich glaube an einen dritten Weg. Die eigene Weiblichkeit annehmen, ja – den Körper, den Wandel, das Älterwerden. Aber deshalb muss man nicht aushalten und alles ertragen, nur weil man eine Frau ist. Wir dürfen erschöpft sein, ohne sofort als krank oder als Versagerin zu gelten. Wenn wir nicht mehr so viel arbeiten können und viel Ruhe brauchen, dann ist das in Ordnung – und bedarf keiner Rechtfertigung. Weder müssen wir unseren Körper verleugnen – noch Schmerzen ertragen, wenn man etwas dagegen tun kann.
Es ginge auch anders
Und das ist keine Träumerei. Es gab und gibt Kulturen, in denen die alternde Frau nicht diskriminiert und abgelegt wird, sondern als weise Großmutter zur Ratgeberin wird. Wo ein gealterter Körper davon erzählen darf, was er erlebt und geleistet hat. Falten, hängende Brüste, ein Bauch – sie werden stolz gezeigt, nicht als Makel versteckt.
In unserer Gesellschaft sollst du dich für genau das schämen. Und je mehr sich dein Körper verändert, desto größer wird die Scham.
Dass es kaum besser wird, hat handfeste Gründe. Man sollte meinen, wenigstens die Ärzte wüssten Bescheid – aber die Wechseljahre sind im Medizinstudium nicht mal ein Pflichtfach, Fortbildungen zu diesem Thema müssen aus eigener Tasche bezahlt werden.
Eine Lebensphase, die die halbe Menschheit durchläuft. Und so hört eine Frau mit vierzig oft nur: Dafür sind Sie doch viel zu jung. Oder: Da müssen Sie eben durch.
Und die Männer?
Auch Männer verändern sich, natürlich. Es gibt die „Andropause“, im Volksmund die Midlife-Crisis, das Klischee vom Mann, der mit fünfzig die jüngere Frau oder das Motorrad sucht. Auch in seinem Körper verändern sich Hormone, nur weniger beachtet.
Aber ihm steht ein anderes Bild zur Verfügung. Er darf reifen. Er wird zum erfahrenen, souveränen Mann.
Nur befreit ihn diese Reife oft nicht. Denn gleichzeitig soll er ja jung bleiben, potent, erfolgreich. Was treibt ihn denn zum Motorrad, zur jüngeren Frau, wenn nicht die Angst, genau den Status zu verlieren, den ihm dieselbe Kultur als einzigen Wert anbietet? Er darf altern, aber bloß nicht alt wirken. Dieselbe Logik, die die Frau zur Furie erklärt, gönnt auch ihm keine Ruhe. Sein Hamsterrad ist nur schöner tapeziert.
Wer hat ein Interesse daran?
Und damit sind wir beim Kern. Unsere Wirtschaft funktioniert nur, solange wir verfügbar bleiben. Wir sollen leisten, und wenn wir mal nichts leisten, dann wenigstens konsumieren. Ein Mensch, der einfach ruht und nichts will, ist nutzlos für eine kapitalistische Gesellschaft. Er ist ein Ausfall.
Stell dir eine Welt vor, in der eine Frau (auch der Mann) sich die Ruhe nehmen darf, die sie braucht. In der gewürdigt wird, was sie ein Leben lang getan hat und noch tut. In so einer Welt müsste sie gar nicht wütend oder zur reizbaren Furie werden.
Es ist also nicht die Frau, mit der etwas nicht stimmt. Es sind die Verhältnisse – patriarchal und neoliberal zugleich –, die ihr keine Wahl lassen, als sich zu wehren, und dann wird sie dafür noch bestraft.
Ihre Wut ist kein Kontrollverlust. Die alte Furie ist nicht krank. Sie setzt sich endlich damit auseinander, was sie wirklich will.
Ach, und ich hatte dir ja noch was versprochen…
Die Frau aus der anderen Serie, die als „alte Furie“ beschimpft wurde? Die hat ihrem Entführer für diesen Satz kurzerhand zwei Finger abgehackt.
Da kam wohl ne Menge unterdrückte Wut raus 😊
Ihr Lieben, kommt gut durch die Hitze, bald ist es überstanden!
Philosophische Grüße,
Sarah
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