„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religion mehr hätten.“
Hat das wirklich der Dalai Lama gesagt?
Auf den ersten Blick wirkt dieser Gedanke fast ketzerisch. Der Dalai Lama, einer der bekanntesten religiösen Führer der Welt, stellt die Religion infrage? Und doch: In einem seiner Bücher trägt er eine Botschaft, die ebenso einfach wie radikal ist: Ethik ist wichtiger als Religion.
Einer der größten Religionsführer der Welt sagt ganz offen: „Ethik ist wichtiger als Religion.“ Und fügt hinzu: „Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt, aber Ethik ist uns angeboren.“
Ja, das hat der Dalai Lama gesagt. Und es ist ein Satz, der uns zum Nachdenken bringen sollte. Denn viele von uns verbinden Moral und Werte ganz automatisch mit Religion. Doch was, wenn der Glaube uns nicht verbindet, sondern spaltet? Und was, wenn unsere ethischen Werte eben nicht aus dogmatischen Lehren, sondern aus unserer tiefsten menschlichen Natur kommen?
1. Die mutige These des Dalai Lama: Säkulare Ethik ist der Religion überlegen
Der Dalai Lama, ein Mann, der den religiösen Glauben verkörpert, stellt eine radikale These auf: Ethik ist der Religion überlegen. Er sieht, dass Gewalt und Intoleranz zwar aus den Religionen kommen können (und auch kommen), nicht aber aus der säkularen Ethik.
Er geht sogar so weit zu sagen, dass alle Religionen und alle heiligen Schriften ein Gewaltpotential in sich bergen.
Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik – fordert er – eine Ethik jenseits aller Religionen. Eine Ethik, die uns nicht trennt, sondern verbindet. Im Schulunterricht wäre Ethik dann wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden. (Buch: Dalai Lama, „Ethik ist wichtiger als Religion“)
2. Warum Religionen spalten: Die Logik der Auserwählung
Warum aber trennen Religionen die Menschen?
Weil es, zumindest in den großen Erlösungsreligionen, um Auserwählung geht. Es gibt immer Auserwählte und Verworfene. Und das Prinzip sagt: Niemals können alle Menschen auserwählt sein. Das würde der Idee widersprechen.
Diese Logik führt zu endlosen Konflikten: In Religionskriegen geht es praktisch immer darum, mit Gewalt herauszufinden, wer wirklich zu den Auserwählten, zu Gottes Lieblingen, gehört. Die Unsicherheit darüber, wer gerettet wird, ist für Gläubige schwer erträglich. Also versuchen sie, sich im Diesseits ein Zeichen für ihre Auserwählung zu erkämpfen – sei es in heiligen Kriegen oder durch kapitalistischen Erfolg (wie wir es am Beispiel des Calvinismus gesehen haben: hier Artikel lesen).
3. Das Menschenbild: Gut von Natur aus? Ein sokratischer Grundsatz
Die Frage, ob Ethik in uns angelegt ist, führt uns zum Menschenbild. Ist der Mensch von Natur aus gut? Der Dalai Lama bejaht dies und sagt:
„Es gibt zwei Sichtweisen auf die menschliche Natur. Die eine meint, der Mensch sei von Natur aus gewalttätig, rücksichtslos und aggressiv. Die andere glaubt, wir neigen von Natur aus zu Güte, Harmonie und einem friedlichen Leben. Diese zweite Sichtweise entspricht meiner eigenen.“
Damit formuliert er auch die beiden Vorstellungen von Naturrecht: Das Naturrecht des Stärkeren (der Mensch ist von Natur aus aggressiv und der Stärkere setzt sich zurecht durch) und das Naturrecht der Schwachen, das auf Gleichheit und Demokratie basiert (der Mensch neigt von Natur aus zu Güte).
Schon Sokrates war davon überzeugt. Sein berühmter Satz:
„Niemand fehlt freiwillig.“
Das bedeutet: Kein Mensch ist freiwillig böse. Falsches und schlechtes Handeln kommt daher, dass Menschen falsche Dinge gelernt haben, sich also irren und Widersprüche in sich tragen. Nicht aus einer angeborenen Bösartigkeit. Dies ist der Grundsatz des Humanismus.
4. Menschheit als Familie: Gemeinsam statt gespalten
Der Dalai Lama fordert:
„Wir müssen jetzt lernen, dass die Menschheit eine einzige Familie ist und dass dazu auch Atheisten und die zunehmende Zahl der Agnostiker gehören. Wir sind alle physisch, mental und emotional, Brüder und Schwestern. Aber wir legen den Fokus noch viel zu sehr auf unsere Differenzen, anstatt auf das, was uns verbindet.“
Die Menschen werden verbunden durch ihre Menschlichkeit, durch ihre allgemeine Vernunft und ihr menschliches Wesen.
„Es ergibt wenig Sinn, mit Stolz auf Nation und Religion auf dem Friedhof zu landen“, so der Dalai Lama.
Die ethischen Werte verbinden uns, Religionen betonen das Trennende.
5. Religionskritik: Ein Pfeiler der Philosophie
Religion und Philosophie werden oft verwechselt oder zusammengeworfen. Doch hier liegt ein fundamentaler Unterschied:
- Religionen vertreten dogmatische Wahrheiten. Sie geben Antworten vor, die nicht hinterfragt werden dürfen. Gott allein kennt die richtige Wahrheit und verkündet sie von oben.
- Philosophie dagegen sucht Wahrheit ohne Dogma. Sie geht davon aus, dass Menschen selbstbestimmt, auf Basis ihrer allgemeinen Vernunft, denken können. Sie erarbeitet sich Glück und Sinn in dieser Welt, auf Basis argumentativer Überprüfung und demokratischer Auseinandersetzung.
Die Philosophie lehrt uns: Eine absolute Wahrheit, die mit Gewalt und Macht durchgesetzt wird, ist unmöglich. Und es gibt keinen Gott, der den Menschen die Wahrheit einfach vorgibt oder bestimmt, wer „gut“ und wer „böse“ ist.
Überhaupt gibt es kein „Böse“. Menschen können irren, aber sie werden nicht als böse Wesen oder mit Sünde behaftet in diese Welt gesetzt. Daraus folgt, dass Handlungen und Denkweisen immer auch kritisiert und überprüft werden können und müssen. Nur in gemeinsamer Auseinandersetzung können wir als Menschheit herausfinden, was für alle ein gutes Leben ist.
Wenn man nämlich davon ausgeht, dass es einfach „böse Menschen“ gibt, wie die Religion es tut, dann können wir dagegen nichts tun, das Böse kann nicht erklärt und verstanden – und damit verändert werden. Wir können böse Menschen also nur bekämpfen, indem wir ihnen ihre Existenz nehmen.
6. Das Verstehen als humanistische Leistung (und die Gefahr, es abzulehnen)
Wenn wir die Welt in einfache Kategorien von „Gut“ und „Böse“ einteilen – oft mit religiösen Wurzeln, die das Handeln als Ausdruck göttlichen Willens sehen – dann wird das Nachfragen nach Ursachen und Gründen irrelevant. Man muss den „Bösen“ nicht verstehen. Ja, man kann es nicht.
Diese Ablehnung des Verstehens ist zutiefst gefährlich und antihumanistisch. Doch es ist gerade sehr aktuell, Menschen, die Zusammenhänge verstehen und sich für das Richtige einsetzen wollen, mit den Schimpfworten „Moralist“ oder „Gutmensch“, zu diffamieren.
Das Verstehen, das Suchen nach dem „Warum“, ist eine humanistische Leistung. Es ist der einzige Weg, die destruktiven Muster der Auserwählung und des Gut/Böse-Denkens zu durchschauen. Die psychische Welt ist nicht naturwissenschaftlich berechenbar. Ihre Ursachen und Gründe müssen mit Vernunft, Logik, Argumenten und Gefühlen verstanden und analysiert werden. Das ist anstrengend, aber notwendig.
7. Eine Revolution durch Philosophie: Für eine humanistische Welt
Was wir brauchen, ist eine echte Revolution. Eine, die nicht auf Dogmen, sondern auf einer humanistischen Philosophie basiert. Die Religionskritik ist hier ein unverzichtbarer Teil davon. Sie befreit uns von alten Fesseln und ermöglicht uns, unsere angeborene Ethik und unsere Vernunft wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
Das, was der Dalai Lama fordert – die Abschaffung von Religionen zugunsten einer säkularen Ethik – ist eine Kampfansage an Fortschrittsglaube, kapitalistischen Wahn und Naturzerstörung. Es ist ein direkter Weg zu einer selbstbestimmten, friedlichen und humanen Welt.
Es ist Zeit, diese Welt als unseren gemeinsamen Lebensraum zu begreifen. Und es ist Zeit, durch philosophisches Denken die Grundlage dafür zu schaffen, dass wir diese Welt gut behandeln. Denn sie ist alles, was wir haben und brauchen, damit wir als Menschheitsfamilie darin gut leben können.
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Wow, so habe ich das noch nie gesehen.
Danke für deine Rückmeldung, schön, wenn ich einen Impuls geben konnte. VG Sarah