Hallo,
ich hatte mal eine Lateinlehrerin in der 12. Klasse, die war bei den Grünen. Sie hat kein Geheimnis daraus gemacht. Manchmal erzählte sie mitten im Unterricht, was gerade im Stadtrat lief, worüber sie sich geärgert hatte und was so alles gerade passierte. Wir wussten immer genau, was sie dachte, wo sie politisch stand.
Keiner von uns hat sich deshalb gezwungen gefühlt, die Grünen zu wählen. Oder sich irgendwie sonst unter Druck gefühlt, ihr zustimmen zu müssen. Im Gegenteil. Wir fanden es meistens richtig spannend, so genau erzählt zu bekommen, was im Stadtrat so passierte.
Und wenn wir etwas anders sahen als sie, haben wir klar widersprochen und oft kam es zu offenen Diskussionen.
Es gab hier kein Angstgefühl, denn diese Lehrerin war als engagierte politische Frau sogar froh, wenn wir selbstbewusst unsere Meinung gesagt haben. Sie hat uns sogar oft dafür anerkannt.
Im Übrigen haben wir auch viel gelacht über den Politikbetrieb, den wir hier so hautnah mitbekommen durften.
Diese Lehrerin bekam damals keine Probleme. Und sie war überall bekannt dafür, was sie tat und wie sie auch davon ihren Schülerinnen und Schülern erzählte.
Nicht neutral?
Aber ups! Denkst du es auch? Diese Pädagogin war ja überhaupt nicht neutral! War das nicht eine „Überwältigung“ (Beutelsbacher Konsens) der jungen Menschen, die abhängig von ihr in ihrem Unterricht saßen?
Heute würde man ihr sagen: Das darf eine Lehrerin nicht. Eine Lehrerin hat neutral zu sein. Generell und parteipolitisch sowieso.
Für mich hatte die Offenheit dieser Lehrerin damals etwas Befreiendes. Denn ich kannte es ja nur so, dass Lehrer:innen sich immer politisch zurückgehalten haben oder mal hinter vorgehaltener Hand was haben durchsickern lassen, was sie wirklich dachten.
Das fand ich immer bedrückend.
Aber ja, ich verstehe das Problem: Wenn pädagogische Autoritäten ihre Macht benutzen, um die Kinder zu beeinflussen, dann können sich die Kinder nicht wehren. Sie müssen Angst haben, wenn sie kritisch gegenüber ihren Autoritäten sind, dass sie dann mit schlechten Noten bestraft werden.
Und ja: das stimmt.
Aber – wo liegt genau das Problem? An der politischen Offenheit?
Oder an der Machtposition der pädagogischen Autoritäten?
Meine Lateinlehrerin hatte eine Macht, die sie nicht benutzt hat. Sie hätte uns aber mit ihren Noten bestrafen können für andere Ansichten. Sie hätte jedem von uns übers Zeugnis eins auswischen können. Sie hat es nie getan. Deshalb war ihr Unterricht demokratisch. Ihre Meinung lag offen auf dem Tisch, und trotzdem konnten wir dagegenhalten, ohne etwas zu riskieren.
Und all das hat uns damals Spaß gemacht, uns als denkende und kritisch nachfragende Schüler:innen gefordert.
Aber absolut: ein anderer Lehrer hätte seine Machtposition vielleicht benutzt, um kritische Stimmen zu bestrafen.
Das wahre Problem sind die Machtstrukturen in Bildungsinstitutionen.
Sie fördern das freie, kritische Denken der Kinder nicht, sie zerstören es. Leistungsdruck und die Angst, das Falsche zu sagen, das Falsche zu denken, prägen uns fürs ganze Leben. Aus Kindern, die sich vor dem freien Denken und Sprechen fürchten, werden später keine selbstbewussten Demokraten, die den Widerspruch aushalten.
Sind demokratische Werte „links“?
Und was macht die Politik? Statt die Machtstrukturen zu verändern, ruft sie nach Neutralität. In der Schule, im Journalismus, in der Kultur. Man müsste fast fragen: Wo eigentlich nicht?
Eine Bibliothek darf keine Bücher über Feminismus oder Gleichberechtigung in die Auslage stellen. Dann heißt es, das sei nicht neutral, das gehöre sich nicht. Und im vergangenen Sommer verbannte die Bundestagspräsidentin von der CDU die Regenbogenfahne in den Keller und untersagte den queeren Mitarbeitenden des Bundestags, sichtbar beim Christopher Street Day mitzulaufen. Die Begründung: Neutralität.
Heißt Neutralität also, wir dürfen die Grundwerte der Demokratie nicht verteidigen??
Eine Demokratie lebt davon, dass Macht gleichmäßig verteilt ist. Eine Regierung hat sie nur geliehen, gewählt und wieder abwählbar.
Wenn Ungewählte große Macht bekommen und sie behalten, dann ist das antidemokratisch. Die Reichen werden reicher und kaufen sich damit Macht. Den Armen wird praktisch alles genommen, bis sie am demokratischen Leben kaum noch teilhaben.
Das zerstört die Demokratie von innen.
Die Werte, die dafür sorgen, dass Macht geteilt bleibt, sind: ein funktionierender Sozialstaat, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit. Diese Werte sind nicht neutral. Nein – sie sind demokratisch, denn genau das steht in unserem Grundgesetz.
Was passiert gerade? Die Mächtigen definieren diese demokratischen Grundwerte kurzerhand als „links“. Und wer für sie eintritt, gilt als parteiisch.
Wer definieren darf, was neutral ist, hat schon gewonnen
Denn fällt dir auf, dass der Vorwurf immer nur in eine Richtung geht? Er trifft die Lehrerin und die Bibliothek, das kleine Projekt, das jedes Jahr um seine Förderung zittert. Den, der ohnehin oben sitzt, trifft er nie.
Gerade eben hat der Koalitionsausschuss beschlossen, das Informationsfreiheitsgesetz faktisch abzuschaffen. Von einem Maskendeal à la Jens Spahn würden wir dann nichts mehr erfahren. Die ganz oben machen die Akten zu und nennen es Reform.
Das hat einen Grund. Wer bestimmen darf, was als neutral gilt, muss seinen eigenen Standpunkt nicht rechtfertigen. „Neutral“ heißt dann meistens nur eins: Es soll alles so bleiben, wie es ist. Wer etwas ändern will, muss sich rechtfertigen. Wer vom Bestehenden lebt, muss gar nichts.
Gleichberechtigung ist keine Meinung
Zurück zur Bibliothek. Sie war nie neutral, und sie musste es auch nie sein.
Gleichberechtigung wägt man nicht gegen ihr Gegenteil ab, um in der Mitte zu landen. Sie steht im Grundgesetz, Artikel 3, gleich im ersten Satz. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
Was bliebe dann übrig, das angeblich objektiv wäre? Ein leeres Schaufenster? Ein anderes Buch? Auch das hat jemand vorher entschieden.
Das gilt für alles. Auch der trockenste Zeitungsbericht ist nicht neutral. Was drinsteht und was fehlt, ist entschieden, bevor du den ersten Satz liest. Einen Blick ohne Blickwinkel hat noch nie ein Mensch gehabt.
Hinter der Forderung nach Neutralität steckt dagegen eine Beleidigung. Sie behandelt dich wie jemanden, den man vor Meinungen beschützen muss. Als würdest du jeder Haltung sofort verfallen, sobald du sie hörst. Wer so über die Menschen denkt, traut der Demokratie den Streit gar nicht mehr zu, von dem sie lebt. Mündige Bürgerinnen und Bürger gibt es dann nicht. Und man will sie dazu auch nicht machen.
Wem nützt es, dass du dich für neutral hältst?
Neutralität will, dass Menschen schweigen. Das ist das Gegenteil einer lebendigen Demokratie, die ihren mündigen Demokratinnen und Demokraten zutraut, herauszufinden, wie sie leben wollen.
Demokratische Auseinandersetzung hält Demokratie nicht auf. Das ist Demokratie.
Diese Auseinandersetzung braucht aber eine wichtige Grundlage: Machtfreiheit.
Wenn die große Masse abhängig von wenigen Mächtigen ist und für eine kritische Haltung Konsequenzen fürchten muss, dann ist das schon eine undemokratische Voraussetzung.
Wenn uns nicht erlaubt wird, klar für demokratische Grundwerte einzustehen – dann stirbt die Demokratie ab. Demokratie kann nicht auf das Kreuz reduziert werden, das wir alle vier Jahre machen. Und wann, wenn nicht in der aktuellen Zeit, ist der Einsatz für die Demokratie unglaublich wichtig?
Wollen wir nicht gehört und ernst genommen werden mit unseren Ansichten und unserer Kritik?
Was denkst du dazu?
Philosophische Grüße,
Sarah
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