„Wann hast du zuletzt gedacht: So ist es eben – und hast dann weggeschaut?“
Wenn du Kinder und Jugendliche im Blick hast, ist Wegschauen keine Option mehr. Laut einer der größten aktuellen Studien sind Kinder mittlerweile unglücklicher als Erwachsene in der Midlife-Crisis.
Die Teilnehmenden wurden nach Stress, Angst, Sorgen, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken gefragt. Und jedesmal zeigte sich derselbe Effekt: eine hohe Belastung der jungen Generation. International gebe es unter jungen Menschen „eine ernst zu nehmende Krise der mentalen Gesundheit“, so Bryson. Die müsse man angehen.
Ich finde, diese Entwicklung ist längst alarmierend. Die psychische Gesundheit der jungen Menschen wird immer schlechter – aber die Erwachsenen schieben diese Probleme vor allem weg.
In einem Zeitungsartikel der Süddeutschen Zeitung lese ich gerade über diese Studie. Doch beim Lesen der Analyse über diese Zahlen grummelt es in mir.
Was die Studie (und der Artikel) zeigt – und was ich daran problematisch finde
„Das Leben beginnt vielmehr oft schon mit einer Krise …“
Das ist die bittere Diagnose: Junge Menschen tragen heute eine viel höhere Last als ältere. Die mentale Krise steht nicht mehr in der Mitte des Lebens, sondern bereits am Anfang.
Worin liegen die Ursachen? Der Artikel nennt mehrere:
- nicht nur Corona,
- nicht nur Klimawandel,
- vielleicht Effekte der Finanzkrise 2007–2009,
- im Verdacht vor allem Smartphones und soziale Medien.
„Im Verdacht haben die Forschenden deshalb vor allem Smartphones und soziale Medien.“
Die Formulierungen sind vage und vermeidend. Ja, zwar schon, aber nicht nur – Finanzkrise und vor allem das böse Handy. Hier beginnt die Verkürzung. Der Fokus auf Social Media als Hauptschuldigen ist verführerisch, weil er greifbar ist. Doch er blendet materielle, politische und pädagogische Kontexte aus – und genau diese Kontexte prägen, wie digitale Medien auf junge Menschen wirken.
„Der Nachweis ist schwierig zu führen, aber vieles weist auf eine wesentliche Rolle von Smartphones hin, sagt Hannes Schwandt.“
Das klingt sehr wissenschaftlich: die Kausalität ist schwer zu belegen.
Aber denken wir doch mal mit unserem gesunden Menschenverstand: Und selbst wenn Smartphones eine wesentliche Rolle spielen – die entscheidende philosophische Frage lautet: Warum fällt eine Generation so stark auf digitale Ersatzwelten zurück? Was fehlt ihr außerhalb des Bildschirms? Warum kümmert sich niemand sinnvoll um sie, so dass sie diese Ersatzwelten nicht brauchen? Warum sind sie überhaupt so leicht beeinflussbar?
Außerdem: Was genau auf den Smartphones – welche Apps und Inhalte sind denn so zerstörend? Dazu kommt keinerlei konkrete Analyse.
Auf die Lebensumstände der jungen Menschen geht der Artikel kaum ein, auf die Rolle der Erwachsenen, Lehrenden, Eltern und Politiker schon gar nicht.
Die verdrängten Ursachen
1) Klimakrise & Zukunftsangst – keine Nebensache, sondern Grundbedingung
Der Artikel sagt ausdrücklich: „Schuld ist nicht Corona allein und auch nicht nur der Klimawandel …“ – das stimmt. Aber die Klimakrise ist kein Nebenfaktor, sie ist die Grundlage für das Leben der Menschheit – und damit das kontinuierliche Damoklesschwert, das über ihrem Leben hängt. Wer 14, 17 oder 22 Jahre alt ist, kennt längst ihre Stichworte:
- ökologische Kipppunkte
- sichtbare Naturzerstörung
- politische Langsamkeit
- drohende Verteilungskämpfe
- Flüchtlingsströme durch Klimawandel
Das ist nicht „ein Thema unter vielen“, sondern Grundlage und Rahmen der Biografie. Es ist philosophisch gesehen eine Sinn- und Handlungsherausforderung: Wie soll ich mich binden, hoffen, investieren, wenn die Lebensgrundlagen unsicher werden? Ohne glaubwürdige Erwachsenenversprechen (politisch, ökonomisch, ökologisch) wächst verständlicherweise die Angst – und damit die psychische Verletzlichkeit.
2) Ökonomische Prekarität & Kapitalismus – Entfremdung als Lebensform
Finanzielle Nöte betreffen heute ganze Familien: Mieten, Unsicherheit bei Ausbildung und Job, wachsender Leistungsdruck. Jugendliche lernen früh: „Du bist, was du leistest und zeigst.“ Der Kapitalismus prägt Beziehungen als Tausch: Aufmerksamkeit gegen Content, Anerkennung gegen Performance.
Philosophisch gesprochen: Wir erleben eine Verengung des Guten auf Messbares (Noten, Reichweite, Einkommen). Und genau diese Logik macht Social Media so mächtig – weil sie die kapitalistische Aufmerksamkeitsökonomie fortsetzt, nicht weil sie echte Beziehungen und kritisches Denken unterstützt.
3) Pädagogik & Schule – zu wenig Raum für Sinn, Dialog, Selbstwirksamkeit
Auch die Schule bietet in keinster Weise einen Raum für Reflexion und Aufgefangenwerden. Im Gegenteil, Schule ist autoritär und kapitalistisch selektierend. Sie sortiert die Kinder bereits in frühem Alter in gut, mittel und schlecht, dabei verstärkt sie den Wettbewerbs- und Erfolgsdruck enorm. Sie vermittelt nicht, warum Wissen relevant ist oder wie man selbst Fragen stellt. Dialoge über Weltlage, Gerechtigkeit, Klima, Krieg – finden kaum statt.
Dabei zeigt Psychologin Ravens-Sieberer richtig:
„Wir brauchen mehr Prävention … Resilienz aufbauen.“
Resilienz, also ein stabiler psychischer Kern, wächst nicht aus Appellen, sondern aus erlebter Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und verstandenem Sinn. Wer nie erfährt, dass die eigenen Gedanken zählen, flieht eher in Ersatzwelten – ob Bildschirm oder Perfektionsdrang.
Die Erwachsenen aber übernehmen keine Verantwortung: die Eltern schieben sie zu den Lehrenden, die Schulen zu den Therapeuten. Kinder, geht doch in die Therapie und macht euch dort bitte gesund! Aber lasst die Erwachsenen in Ruhe.
4) Verlust von Gemeinschaft & Natur – der doppelte Bruch
Menschen sind, mit Aristoteles, zoon politikon – Gemeinschaftswesen. Sie sind zugleich Naturwesen. Heute verlieren Kinder beides:
- Gemeinschaft: das kapitalistisch geprägte Arbeitsleben isoliert die Menschen und macht sie zu Einzelkämpfern. Für gelebte Gemeinschaft, Beziehungen und soziales Engagement bleibt weder Zeit noch Energie. Durch immer längere Betreuungszeiten in Bildungsinstitutionen bleibt den Kindern keine Zeit und kein Raum mehr, sich selbstständig und frei in dieser Welt zu bewegen.
- Natur: wir entfremden uns von der Natur, indem wir sie zerstören. Für die Kinder gibt es längst keine sinnvolle Naturverbindung mehr. Im Gegenteil: sie sehen, dass die Erwachsenen ihren Lebensraum dauerhaft zerstören. Städte bieten kaum sinnvollen Spielraum draußen und im Grünen.
Wer Gemeinschaft und Natur verliert, sucht Anschluss und Resonanz – notfalls digital. Das Problem ist nicht nur Social Media; es ist die Leerstelle, die Social Media füllt.
Was können wir tun?
„Nicht notwendigerweise eine traurige oder verlorene Generation“, sagt Ravens-Sieberer.
„Das Unglückserleben der jungen Leute [ist] real und ernstzunehmen.“
Ja, eben. Doch die Analyse dieses Zeitungsartikels drückt sich genau darum, wirklich hinzuschauen und die Verantwortung der Erwachsenen in den Fokus zu rücken.
Klar, Therapien sind sinnvoll. Doch es kann nicht darum gehen, bei Problemen die Kinder und Jugendlichen in die Therapie zu schicken und die Erwachsenen – unsere ganze Gesellschaft – aus der Verantwortung zu entlassen. Meistens passiert das: die Kinder und Jugendlichen gehen brav zur Therapie – die Eltern selbst aber denken garnicht daran, sie selbst haben das nicht nötig.
Dass Therapiebereitschaft und Selbstbeobachtung steigen, wird als positiv beschrieben – und es wirkt eben genau so, dass man froh darüber ist, dass die jungen Leute das ja selbst in die Hand nehmen. Mit der Gesellschaft, den Medien, der Politik – hat das zum Glück dann nicht mehr viel zu tun.
Diese Haltung finde ich äußerst problematisch, denn genau hier spüren die jungen Leute, dass man ihre Lebenssituation eben nicht ernstnimmt und dass die Erwachsenen ihnen die Verantwortung zuschustern wollen.
Natürlich kann eine Therapie Kindern und Jugendlichen in einer schwierigen Situation helfen, aber sie darf nicht als Ersatz dafür dienen, dass Eltern und Erwachsene politische und persönliche Verantwortung übernehmen.
Genau hier setzt die philosophische Arbeit an: Therapie arbeitet am Individuum (wichtig!), Philosophie verbindet die Innenwelt mit der gesellschaftlichen Lage – und der Weltlage. Sie fragt: Wie hängen meine Gefühle mit Strukturen zusammen?
So entstehen Verstehen, Sprache und Handlungsfähigkeit – die Basis echter Resilienz. Hier können Eltern und Lehrende selbst lernen, die Welt zu verstehen und dadurch mit den Kindern auch ins Gespräch zu kommen. Erwachsene: beginnt bei euch und fangt an, diese – ja angstrengende – Arbeit zu leisten!
Digitale Medien: Symptomverstärker statt Monokausalität
Natürlich wirken Smartphones: Vergleich, Dauerbeschallung, Schlafdefizit, Dopamin-Schleifen – all das ist real. Aber Digitales wirkt nicht im luftleeren Raum. Es verstärkt vorhandene Not:
- fehlender sicherer Bindungen,
- fehlender Räume für sinnhafte Dialoge,
- fehlender Perspektiven.
Letztlich bietet das Smartphone eine Fluchtmöglichkeit vor der realen Welt, die Angst macht. Schlimmstenfalls macht die künstliche Welt depressiv oder beeinflusst die jungen Menschen politisch, ohne dass sie dafür einen guten Gesprächsraum haben, der sie auffängt.
Wer nur an „Handyzeit“ dreht, ohne Gemeinschaft, Natur, sinnhafte Gespräche und politische Handlungsräume zu stärken, bekämpft Symptome – und überlässt die Ursache sich selbst.
Philosophie als Praxis: Von der Ohnmacht zur Mündigkeit
Philosophie ist keine Elfenbeinturm-Disziplin. In Athen fand sie auf der Agora statt: öffentlich, streitbar, gemeinschaftlich. Was heißt das heute – für Eltern, Pädagog:innen, Schulen, Kommunen?
1) Räume für echte Gespräche schaffen
- Wöchentlich 60–90 Minuten Sokratischer Dialog: Eine Frage, eine Runde, wieso denkst du das?
- Regeln: zuhören, nachfragen, Begriffe klären (Gerechtigkeit, Verantwortung, Angst, Hoffnung).
- Ergebnis: Sprache statt Stille, Verstehen statt Schuld.
2) Gemeinschaft kultivieren
- Mehr intergenerationelle Runden: Jugendliche, Eltern, Lehrkräfte an einem Tisch.
- Projektlernen statt Testparcours: reale Probleme in Stadt/Schule angehen, gemeinsam entscheiden, umsetzen.
- Pflichtfach Dialog: Dialektik, Argumentationslehre, Medienkritik.
3) Naturbezug zurückholen
- Wöchentliche Naturzeiten (Schule & Familie): ohne Zweck, ohne Bewertung.
- Ökologische Projekte: Schulgarten, Renaturierung, Stadtgrün – Hand anlegen erzeugt Sinn.
4) Digitale Ökologie statt Moral
- Transparente Abmachungen: Schlafzeiten, Offline-Fenster, Mitbestimmung der Jugendlichen.
- Sinnvolle Alternativen zugleich anbieten (Verein, Musik, Makerspace, Debattierclub).
- Medienkritik lehren: Algorithmen, Aufmerksamkeitsökonomie, Datenhandel verstehen.
5) Pädagogik erneuern
- Unterricht als Fragekunst (nicht nur Stoffvermittlung und autoritäre Bewertung).
- Bewertungsvielfalt: Portfolios, Projekte, Reflexion – keine Tests und Prüfungen.
- Lehrer:innen als Moderator:innen von Sinn, nicht als Prüfer:innen.
Konkretes Toolkit für Eltern & Pädagog:innen (ab heute umsetzbar)
- Wöchentliche Familiengespräche (45–60 Min.): Eine Frage (z. B. „Was ist ein gutes Leben?“), ein Gegenstand als Redestab, jeder kommt zu Wort.
- Klassen-„Agora“ (monatlich): Jugendliche wählen ein reales Thema (z. B. Schulweg, Essen, Müll), erarbeiten Vorschläge, präsentieren im Schulgremium.
- Naturfenster (2–3 Std./Woche): Spazieren, gärtnern, Exkursion – ohne Handy.
- Digitale Charta (gemeinsam geschrieben): Wann, wozu, wie lange – und warum. Jährlich neu verhandeln.
- Debattier- oder Philosophie-AG: Argumentation üben, Begriffe klären, Gastgespräche mit lokalen Akteur:innen.
- Elternfortbildung: Medienökonomie verstehen, Gesprächsführung lernen, Zuhören trainieren.
- Gemeinsame Projekte: Benefizkonzert, Tauschregal, Nachbarschaftshilfe, Urban Gardening – erlebte Wirksamkeit.
Schluss: Nicht nur weniger Handy – mehr Welt
Wenn wir die Misere junger Menschen auf Social Media verengen, individualisieren wir ein kollektives Problem. Die Daten zeigen Belastung – doch der Weg heraus führt nicht über Verbote allein, sondern über bessere Gründe, draußen zu sein: Gemeinschaft, Natur, Sinn, Mitgestaltung.
„Wir brauchen mehr Prävention … Resilienz aufbauen.“
Ja – und wir brauchen Mündigkeit: das Zusammenspiel von Verstehen (warum ist die Welt so?), Urteilen (was ist gut?) und Handeln (was tun wir jetzt?).
Genau hier setzt meine Arbeit als Philosophische Praktikerin an: Ich schaffe Räume, in denen Jugendliche und Erwachsene denken lernen, sprechen lernen, handeln lernen – jenseits von Schlagzeilen und jenseits einfacher Schuldzuweisungen.
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