Hallo,
letzte Woche habe ich mir die neue Staffel der Serie Will Trent angeschaut – ganz aktuelle, frisch gedrehte Folgen. Und dann kam diese eine Szene:
Eine eifersüchtige Frau hat ihren Ex-Freund entführt, weil er sie verlassen hat. Sie sitzen am Tisch, er trägt eine Fußfessel, sie hat Abendessen gekocht und will das Zusammensein erzwingen. Plötzlich rastet er aus und schreit ihr entgegen:
„Ich lass mich doch hier von einer alten Furie in der Menopause nicht so behandeln!“
Ich dachte nur: WOW. Genau da war er wieder. Dieser uralte, tief sitzende Vorwurf an Frauen in den Wechseljahren: die hysterischen, wildgewordenen Weiber, die man nur noch verachten kann.
Sobald eine Frau in dieser Lebensphase Wut, Kraft oder auch nur ungemütliche Grenzen zeigt, wird sie auf ein hormonelles Klischee reduziert und entwertet.
Aber was passiert da eigentlich wirklich?
Eine Klientin sagte mir mal: „Ich weiß nicht mehr, was mit mir los ist.“
Sie schlief nicht mehr durch, konnte keinen klaren Gedanken fassen, war müde bis in die Knochen, ohne zu wissen, warum. Kleinste Dinge brachten sie zur Weißglut. Und dann wieder Tage, an denen sie sich gut und energiereich fühlte. War das eine Krankheit? War sie das selbst?
Wenn der Boden unter den Füßen weggezogen wird
Inzwischen spricht es sich langsam herum: Vor der Menopause liegt eine oft jahrelange Perimenopause, eine Umstellung, die sich über ein Jahrzehnt ziehen kann und vielen Frauen den Boden unter den Füßen wegzieht.
Der weibliche Körper verändert sich über einen langen Zeitraum. Die wichtigsten Hormone – Östrogen und Progesteron – werden in Schüben einfach weniger produziert, ja bis sie einfach überhaupt nicht mehr vorhanden sind. Das ist erst einmal ein ganz natürlicher Prozess. Genauso natürlich wie die Hormonveränderungen in der Pubertät. Genauso wie es in jedem monatlichen Zyklus der Frau ständig Veränderungen gibt. Ein Auf und Ab der Gefühle, manchmal Schmerzen, Erschöpfung, dann wieder viel positive Energie.
Aber dass dieser Prozess natürlich ist, heißt nicht, dass er einfach ist.
Warum werden diese hormonellen Veränderungen überhaupt zum Problem?
Letztens sagte auf Social Media eine Mutter von einem einjährigen Kind mit 40 Jahren stolz, dass sie für ihr Kind zwar keinen Kitaplatz bekommen habe, aber sie würde es sich dann eben „umschnallen und mit Kind arbeiten“. Das habe sie auch bei anderen Müttern gesehen.
Und dann stolz:
“Wir Frauen sind eben Maschinen!“
Bei mir sind in diesem Moment alle Alarmglocken angesprungen. WTF! Nein, eben nicht! Wir sind keine Maschinen, verdammt noch mal.
Und das gilt auch dann, wenn eine Frau die Wechseljahre relativ glimpflich übersteht, mit kaum Energieeinbrüchen oder Stimmungsschwankungen. Erst recht aber gilt es für die Frauen, die plötzlich nicht mehr können – die unter extremer Erschöpfung leiden, wenn nicht Schlimmerem.
Und genau da liegt der Punkt: Zum Problem werden diese Veränderungen nicht durch den Körper selbst, sondern weil wir trotzdem funktionieren müssen, komme, was wolle.
Der Mann meiner Klientin jedenfalls hatte eine schnelle Erklärung parat. Sie sei eben schon immer zu Depressionen geneigt gewesen, solle sich endlich behandeln lassen. Dass es die Perimenopause sein könnte, das, was sie da beschrieb und spürte und benannte – das ließ er gar nicht erst gelten.
Und ich frage mich: Warum eigentlich nicht? Warum fällt es so viel leichter zu glauben, mit der Frau stimme etwas nicht, als ihr zuzugestehen, dass ihr Körper sich verändert?
Platon meinte, der Mensch werde erst mit fünfzig weise – und merkwürdigerweise hat sich dieses Bild nur für die eine Hälfte der Menschheit gehalten. Der alternde Mann reift, er wird zum Mentor, zum Patriarchen, sein Alter ist Gewinn.
Und die Frau? Sie wird nicht weise, sie wird zickig. Nicht reif, sondern hysterisch. Nicht würdevoll, sondern hässlich. Dasselbe Älterwerden, und doch zwei vollkommen entgegengesetzte Urteile – woran liegt das?
Wenn ihr Körper in der Perimenopause mit starken Veränderungen kämpft – wenn sie nicht mehr schläft, Dinge nicht mehr schluckt, die sie jahrelang lautlos geschluckt hat, wenn sie aufhört, so lieb und verfügbar und belastbar zu sein, wie alle es gewohnt waren –, dann gilt das nicht als Erkenntnis. Es gilt als Defekt.
Die kaputte Maschine
Denn was von einer Frau verlangt wird, ist Leistung, immer und überall: als Mutter, als arbeitende Frau im Kapitalismus, als die, die nebenbei auch noch den Haushalt trägt. Vor allem auch trägt sie oft die Verantwortung für das soziale Miteinander: der Familien, dass Freunde da sind, dass ihre Kinder Beziehungen führen können.
Jede dieser Rollen würde für sich genügen, und sie soll sie gleichzeitig stemmen, lächelnd am besten. Und nun stell dir vor, das gelingt auf einmal nicht mehr. Es kommen Phasen, in denen sie schlicht erschöpft ist, in denen sie liegen muss, sich erholen muss, in denen ihr Körper nichts weiter verlangt als Ruhe. Was geschieht dann mit ihr – in den Augen der anderen, und schlimmer noch, in ihren eigenen?
Sie wird zur kaputten Maschine erklärt. Zu etwas, das nicht mehr funktioniert und darum nichts mehr wert ist, nicht mehr einsetzbar, aussortiert. Und das Bittere ist, dass sie selbst es als Erste glaubt. Denn das schlechte Gewissen war ja schon vorher da, lange bevor irgendetwas nachließ.
Wo ist das bloße Dasein, das Nichtstun, das Sich-Erholen in unserer Welt eigentlich erlaubt?
So tief sitzt in uns, dass ein Mensch sich seinen Wert verdienen muss, durch Tun, durch Nutzen, durch Verfügbarkeit, dass die Ruhe selbst sich anfühlt wie ein Vergehen.
Und so empfindet sie sich nicht als müde, sondern als Versagerin. Anstatt zu akzeptieren, dass sie eine Pause braucht, fühlt sie einen Defekt in sich selbst. Und das Schlimmste daran ist – denn es wird immer suggeriert – die Aussichtslosigkeit, sich ihrem jüngeren Ich je wieder annähern zu können.
Unsere Gesellschaft misst eine Frau an ihrer Jugend, an ihrer frischen Schönheit. Alles, was danach kommt, scheint nicht mehr zu gelten.
Wer aber hat eigentlich entschieden, dass eine Frau nur als die Jüngere, Verfügbare, Gefällige etwas wert ist – und warum tragen wir dieses Urteil so bereitwillig in uns weiter?
Kennst du selbst solche Gedanken?
Und wenn du als Mann mitliest: Erkennst du etwas davon wieder – an den Frauen in deinem Leben, oder sogar an dir selbst?
Schreib mir – ich bin neugierig darauf, was in dir vorgeht.
Und im nächsten Newsletter geht es um die Gründe und Alternativen zu diesem Problem: Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die dem Menschen seinen Wert unabhängig von Leistung und Funktion zugesteht?
Was die wilde Furie in der Serie dem Mann für diesen Satz angetan hat, erzähle ich dir dann auch – Vorsicht, es geht ans Eingemachte 😉
Einen hoffentlich nicht zu heißen Sonntag wünsche ich dir! Und wenn du erschöpft bist, unproduktiv oder einfach nur langsam – dann versuche, kein schlechtes Gewissen deshalb zu haben.
Philosophische Grüße,
Sarah
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