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Worüber streiten Frauen? Warum das auch Männer angeht!

    Reihe zum Thema Feminismus und feministische Philosophie

    Ist dir aufgefallen, wie viel Energie Frauen darauf verwenden, sich gegenseitig fertigzumachen?

    Wenn man Zeitungen liest oder durch die Kommentarspalten von Social Media scrollt, könnte man meinen, Frauen führen einen Bürgerkrieg. Gegen sich selbst.

    Es ist besser, wenn die Mutter arbeitet. Damit sie finanziell unabhängig ist. Damit sie auch Karriere macht. Kita ist gut für Kinder. Sozialisierung, Förderung, Gemeinschaft.

    Nein, arbeitende Mütter lassen ihre Kinder allein. Sie verpassen die wichtigsten Jahre. Bindung ist entscheidend. Wer sein Kind mit einem Jahr in die Kita gibt, hat die falschen Prioritäten.

    Ich will für meine Kinder da sein und nur Teilzeit arbeiten. Das ist meine freie Entscheidung.

    Teilzeit ist eine Falle. Das Optimale für Frauen ist Vollzeit. Sonst keine Rente. Sonst lebenslange Abhängigkeit. Sonst Altersarmut.

    Wie soll ich als Mutter bitte alles schaffen: Vollzeit plus Haushalt plus Kinder? Das sind drei Jobs auf einmal.

    Naja. Hauptsache, die Frauen schlagen aufeinander ein.

    Und während sie das tun – während sie sich gegenseitig vorwerfen, zu viel oder zu wenig zu arbeiten, zu sehr oder zu wenig Mutter zu sein – bleibt eine Frage seltsam unberührt:

    Welche Frage ist eigentlich wichtig?

    Heißt Emanzipation: gleicher Job wie ein Mann? 

    Im Patriarchat? Im Kapitalismus? In einem System, das auf Konkurrenz gebaut ist, auf permanente Verfügbarkeit? Auf die Fiktion, dass Menschen keine Körper haben, die müde werden? Keine Kinder, die sie brauchen?

    Ist das wirklich Befreiung – oder nur die Erlaubnis, sich genauso kaputt zu machen wie Männer das dürfen?

    Die falschen Fragen

    Wir fragen: Soll die Mutter arbeiten oder zu Hause bleiben?

    Statt zu fragen: Warum gibt es überhaupt keinen Raum für ein Leben, das beides ist – für Arbeit, die nicht alles auffrisst, und für Elternschaft, die nicht zur Armutsfalle wird?

    Wir fragen: Ist Teilzeit eine Falle oder eine Lösung?

    Statt zu fragen: Warum ist Teilzeit für Frauen eine Falle, aber für Männer nicht mal eine Option? Warum verdienen Menschen nicht genug, um in Teilzeit anständig zu leben?

    Wir fragen: Ist Kita gut oder schlecht für Kinder?

    Statt zu fragen: Warum ist Betreuung so schlecht bezahlt, dass sie von ausgebrannten, unterbezahlten Menschen geleistet wird?

    Warum müssen Eltern sich überhaupt zwischen „finanziell überleben“ und „Zeit mit dem Kind“ entscheiden?

    Und während wir diese Fragen nicht stellen, schlagen wir aufeinander ein.

    Die Vollzeit-Mutter auf die Teilzeit-Mutter. Die Karrierefrau auf die Hausfrau. Die Tradwife auf die Feministin. Die Kinderlose auf die Mutter. Die Mutter auf die Kinderlose.

    Naja. Hauptsache, die Frauen sind beschäftigt.

    Die große Illusion

    Dabei tun wir so, als wären die meisten Frauen in erfüllenden Jobs. Als ginge es um Karriere, Selbstverwirklichung, die große Wahl zwischen Berufung und Familie.

    Die Realität sieht anders aus.

    Die meisten Frauen arbeiten nicht in inspirierenden Berufen. Sie sitzen an Supermarktkassen. Sie pflegen in unterbezahlten Schichten. Sie putzen Büros nachts. Sie tippen Daten ein. Sie werden ausgebeutet – in prekären Verträgen, für Löhne, von denen sie kaum leben können.

    Und dann sollen sie sich schuldig fühlen, weil sie nicht Vollzeit arbeiten wollen?

    Als wäre dieser Job ein Privileg. Als wäre Ausbeutung Emanzipation, wenn man sie nur 40 Stunden pro Woche erträgt.

    Das Tradwife-Missverständnis

    Nehmen wir die Tradwives. Amelie Fried kritisiert sie in der Süddeutschen Zeitung – diese jungen Frauen, die Hausfrausein als Erfüllung inszenieren, die Brot backen, Kinder stillen, dem Mann das Abendessen servieren.

    Die Kritik ist berechtigt. Aber sie trifft das falsche Ziel.

    Denn Tradwives sind keine Hausfrauen. Sie sind Influencerinnen. Sie arbeiten Vollzeit – nur nicht in einem Büro, sondern für die Kamera. Ihr „Hausfrauensein“ ist Content. Ihr Business-Modell. Viele verdienen damit sechsstellige Beträge. Viele sind eingebettet in christlich-fundamentalistische Strukturen, die patriarchale Hierarchien theologisch legitimieren und als Lifestyle verkaufen.

    Das hat nichts zu tun mit Frauen, die tatsächlich nicht Vollzeit arbeiten wollen. Die mehr Zeit für ihre Kinder wollen. Die erschöpft sind von einem System, das verlangt, dass alle immer alles sein müssen.

    Diese Frauen sind nicht reaktionär. Sie sind nicht naiv. Sie wollen einfach ein Leben, das sich nicht anfühlt wie eine permanente Überforderung. Sie wollen die Wahl haben, so zu leben, wie sie es für richtig halten.

    Die beiden zu verwechseln, ist gefährlich. Es macht aus einem legitimen Bedürfnis nach Lebensqualität eine politische Kapitulation.

    Was wir über das Matriarchat wissen (und verschweigen)

    Letztens las ich, wie eine junge Wissenschaftlerin auf Instagram Frauen verurteilte, die das Matriarchat als Alternative sehen. Ihr Argument: So etwas habe es nie gegeben. Punkt. Wer daran glaube, sei naiv, unwissenschaftlich. Für sie ist das eine sehr emanzipierte feministische Haltung.

    Aber das stimmt nicht.

    Es gibt dokumentierte matrilineare und matrifokale Gesellschaften: die Mosuo in China, die Minangkabau in Indonesien, historische Strukturen bei den Irokesen. Gesellschaften, in denen Abstammung über die Mutter läuft, in denen Frauen ökonomische und soziale Macht haben, in denen Herrschaft anders organisiert ist.

    Die Frage ist nicht nur: „Gab es das?“ Die Frage ist: „Warum sind diese Strukturen im Mainstream-Diskurs so unsichtbar?“ Und: „Was können wir daraus lernen?“

    Die Vorstellung von Matriarchaten ist nicht nur die Suche nach historischer Wahrheit. Sie ist der Wunsch nach einem Gegenmodell. Nach der Idee, dass es auch anders gehen könnte.

    Diesen Wunsch als unwissenschaftlich abzutun, ist selbst Teil des Problems.

    Frauen ohne Kinder – die unsichtbare Gruppe

    Und dann sind da die Frauen ohne Kinder.

    Die ebenfalls nicht Vollzeit arbeiten wollen. Nicht wegen Kindererziehung, sondern weil sie Freundschaften pflegen wollen. Sich politisch engagieren wollen. Kunst machen wollen. Ein Leben haben wollen, das nicht nur Arbeit ist.

    Auch sie werden gedrängt: „Du hast ja keine Kinder, also kannst du doch Vollzeit arbeiten!“

    Als wäre ein Leben ohne Reproduktionsarbeit automatisch ein Leben für den Kapitalismus. Als wäre Vollzeitverfügbarkeit der Normalzustand für alle, die keine Kinder haben.

    Das ist die Falle: Wir diskutieren über Mütter und Nicht-Mütter, über Kita und Elternzeit – aber nie über die Frage, warum überhaupt irgendwer 40+ Stunden pro Woche arbeiten soll, nur um zu überleben.

    Und die Männer?

    Männer dürfen sich diese Frage noch weniger stellen.

    Teilzeit? Elternzeit? Zeit für Freundschaften, für Engagement, für ein Leben jenseits der Arbeit? Das gilt als Schwäche. Als Karrierekiller. Als unmännlich.

    Das System zwingt nicht nur Frauen in die Vollzeit – es zwingt Männer noch brutaler. Und dann stehen alle erschöpft da und fragen sich, warum das Leben sich anfühlt wie ein permanentes Hamsterrad. Beziehungen halten kaum mehr, immer mehr Menschen fühlen sich einsam

    Das ist kein Frauen-Problem. Das ist ein System-Problem.

    Die Fragen, die wir nicht stellen

    Wer hat eigentlich bestimmt, dass „Vollzeit“ 40 Stunden umfasst? Warum nicht 30? Warum nicht 20?

    Warum wird unser Wert als Mensch daran gemessen, wie viel wir verdienen? Warum ist jemand, der Teilzeit arbeitet, automatisch weniger wert? Weniger ambitioniert? Weniger ernst zu nehmen?

    Warum gilt als „produktiv“, wer 40 Stunden im Büro sitzt – aber nicht, wer Kinder großzieht, Alte pflegt, Gemeinschaft organisiert, Kunst macht, sich engagiert?

    Die Frage ist nicht: Sollen Frauen genauso viel arbeiten wie Männer?
    Die Frage ist: Warum zum Teufel arbeiten wir alle so viel? 

    Und wie definieren wir überhaupt „Arbeit“?

    Die Frage, über die wir gar nicht reden

    Und dann ist da noch die Frage, die wir komplett ausblenden:

    Ist ewiges Wachstum, permanente Produktivität, immer mehr Konsum überhaupt noch möglich? Auf einem endlichen Planeten?

    Es ist feministisch, diese Logik zu durchbrechen. Nicht nur, weil sie Menschen zerstört. Sondern weil sie die Grundlage jedes guten Lebens zerstört: eine bewohnbare Erde.

    Wenn wir für ein gutes Leben der Menschheit eintreten wollen, müssen wir auch für die Rettung der Natur eintreten. Das gehört zusammen.

    Solange wir aber nur darüber streiten, ob Frauen 40 oder 20 Stunden arbeiten sollen, übersehen wir die eigentliche Frage:

    Was wäre, wenn niemand mehr 40 Stunden arbeiten müsste? 

    Die wichtige Frage

    Wir könnten uns fragen: Wie wäre eine Gesellschaft, in der Arbeit nicht alles auffrisst? In der Sorgearbeit nicht unsichtbar ist? In der Männer und Frauen Zeit haben – für Kinder, für Freundschaften, für Engagement, für ein Leben?

    Wir könnten uns fragen: Wie wäre ein Wirtschaftssystem, das nicht auf permanentem Wachstum basiert, sondern auf dem guten Leben für alle?

    Aber solange wir uns gegenseitig beschuldigen – die Mutter die Nicht-Mutter, die Teilzeit-Arbeitende die Vollzeit-Arbeitende, die Tradwife die Feministin – stellen wir diese Fragen nicht.

    Und genau das ist der Punkt.

    Warum tun wir das nicht?

    Es gibt eine Antwort. Eine, die selten laut ausgesprochen wird, aber tief sitzt:

    Die Angst, dass ohne unser aktuelles Wirtschaftssystem alles zusammenbricht. Unser ganzer Wohlstand. Unser Lebensstandard. Unsere Sicherheit.

    Diese Angst ist mächtig. Sie hält das System am Laufen. Sie hält uns am Laufen.

    Aber sie ist auch eine Lüge.

    Denn dieses System bricht bereits zusammen. Es zerstört die Erde. Es zerstört unsere Körper. Es zerstört unsere Beziehungen. Es produziert keine Sicherheit – es produziert Erschöpfung, Ungleichheit, Ausbeutung.

    Der wahre Zusammenbruch ist, so weiterzumachen.

    Deshalb muss Feminismus vor allem bedeuten: Wirtschaftskritik.

    Nicht Anpassung an kapitalistische Strukturen. Nicht die Forderung, dass Frauen genauso ausgebeutet werden wie Männer. Sondern die radikale Infragestellung eines Systems, das auf der Ausbeutung von Menschen und Natur basiert.

    Und deshalb muss Feminismus auch bedeuten: Religionskritik.

    Denn hier – in patriarchalen religiösen Strukturen, die Herrschaft über Frauen und Natur theologisch legitimieren – liegen viele der menschen- und naturfeindlichen Strukturen verankert, die wir bekämpfen müssen.

    Echter Feminismus ist nicht die Erlaubnis, mitzuspielen. Er ist die Weigerung, das Spiel weiterzuspielen.

    Naja. Hauptsache, die Frauen sind beschäftigt.


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